september-oktober 2000

Doc Holliday
grausame orte

Rinderwahnsinn jetzt auch im Kuhstall Salzburg

Wenn es um die Marie geht, ist der Schweizer bekanntlich erfinderisch. Rolex-Uhren, Bankgeheimnis, Käse mit Löchern oder die Milka-Kuh legen Zeugnis ab von dieser calvinistischen Geschäftstüchtigkeit. Kein Wunder, dass ausgerechnet ein Eidgenosse auf die Idee kam, Plastikkühe zu bemalen und diese dann in der Öffentlichkeit aufzustellen. Da trifft es sich gut, dass Tourismusverbände und Innenstadtgeschäftsleute nach neuen Werbeideen lechzen. Roland Müller heißt der Glarner Kuhgestalter, der schon längst keines der Plastikviecher mehr selbst bepinselt. Dafür ist er stolzer Eigentümer der Urheberrechte an dieser Idee. Nach der Premiere in Zürich taten sich 1999 die Schweizer Macher mit amerikanischen Kuhtreibern zusammen, um in Chicago eine „Cowparade“ zu organisieren. Im Jahr 2000 kam es wie es kommen musste. Getreu der Sentenz "gleich und gleich gesellt sich gern" ist die Rindviecher-Plage seit dem 1. August auch in Salzburg beheimatet. Wenig wunderlich in einer Stadt, die einen Großteil ihrer Identität aus der "Sound Of Music"-Schmonzette bezieht, und deren Kleinkrämer Touristen und Einheimische als Melkkuh betrachten. Ein wahrlich fruchtbarer Boden für diese ungenießbare Mischung aus falscher Heidi-Idylle und missverstandener Pop Art. Unter "Kunst und Kuh" firmiert die Aktion, wo doch "Werbung und Kuh" treffender wäre. Es offenbart sich ein Kunstverständnis ganz nach dem Gusto der FPÖ: Privat finanziert, banal, harmlos, kitschig und anscheinend volksnah.

Um 22.222 Schilling konnten städtische Geschäftsleute einen Plastikrohling erwerben und ihn dann zum Beispiel von Schülern oder Kinderdorfbewohnern preisgünstig gestalten lassen. Damit sich bei späterem Verkauf noch mühelos Profit herausschlagen läßt.

Nach anfänglicher Skepsis ergötzen sich mittlerweile die lokalen Medien ausnahmslos am Kuhdorf. Schließlich sind die gut 150 Rindviecher zum Stopfen des Sommerlochs bestens geeignet. Da lassen die Meinungsmacher ganz einfach ein paar (Möchtegern-)Promis vor ihren Lieblingsviechern posieren. Dazu dürfen die als Society-Ochsen Identifizierten etwas ideologischen Mist absondern.

Im Milleniumssommer wurde übrigens nicht nur Salzburg zu einem Kuhdorf, sondern auch New York. Das Fleischer-Modell des Filmemachers David Lynch - er schnitt einem Vieh den Kopf ab und steckte Messer und Gabel in den offenen Rumpf - wurde vom obersten Aufseher der Parkanlagen verboten. Solch puritanische Zensur bestraft der New Yorker gleich: Bei den Einwohnern und Medien floppt die Schau. Eine echte Weltstadt hält eben auch eine geistige Stampede von einigen Werbefuzzis aus.

DOC HOLLIDAY