mai 2002

Doc Holliday

Kick It Out!

Antirassistische Initiativen im heimischen Fußball

„Hass gehört nicht ins Stadion. Die Leute sollen ihre Emotionen zu Hause in den Wohnzimmern mit ihren Frauen ausleben.“ (Berti Vogts)

So klingt es, wenn ein ehemaliger deutscher Bundesterrier und -trainer sich zu Rassismus im Fußball äußert: Dämlich. Nach verheißungsvollem Beginn kippt die Aussage unweigerlich in tiefe Demenz. Was will man schon erwarten von einem biederen Spieler und Trainer, der 1978 für die argentinischen Faschisten nur anerkennende Worte fand (schließlich erspähte Berti keinen einzigen politischen Gefangenen). Immerhin leugnete Vogts wenigstens nicht die Existenz von Rassismus auf dem Platz und im Stadion. Eine Einsicht, die offizielle Vertreter der Österreichischen Bundesliga oder des Deutschen Fußballbundes (DFB) zumeist vermissen lassen.

Der (Alltags)Rassismus, Antisemitismus und Sexismus kommt aus der Mitte der Gesellschaft und beschränkt sich nicht allein auf radikale Minderheiten. Gemeint sind also nicht nur die notorischen Hooligans - von denen sich in Österreich ungefähr 250 durchs Leben schlagen. Den wirklichen Skandal stellt die Bagatellisierung des Problems bei den Fußballoberen dar. Wenn Bundesliga-Geschäftsführer Reinhard Nachbagauer unverdrossen konstatiert: „Ich nehme keine grobe Ausländerfeindlichkeit in Österreichs Stadien wahr“, handelt es sich um eine grobe Form von Realitätsverweigerung. Mehr Klarsicht zeigen da schon einzelne Fangruppen und -initiativen.

In Wien besteht seit 1997, dem „Jahr gegen den Rassismus“, das von der EU geförderte Projekt »FairPlay«. 1999 kam es zur europaweiten Vernetzung: FARE (Football Against Racism in Europe) bündelt und koordiniert die Arbeit von mehr als 50 Organisationen aus 14 verschiedenen Ländern. Höhepunkt der FairPlay-Aktivitäten bilden die seit einigen Jahren regelmäßig im Rahmen einer europaweiten Aktionswoche durchgeführten Stadionaktionen mit Bundesliga- und Amateurmannschaften.

Zudem artikulieren auch Fanclubs ihren Protest gegen die hirnlosen Diskriminierungen. Die Innsbrucker „Schlachtenbummler“ des FC Tirol, ohnehin politisch eher links eingestellt, müssen besonders hervorgehoben werden: Als aktive Antirassisten, die auf ihrer Tribüne etwa die Urwaldlaute („Uh-Uh-Uh“ - eine immer wieder aufkeimende Unsitte sobald ein schwarzer Spieler den Ball berührt) nicht dulden und zu unterbinden versuchen. Die Tiroler spielen derzeit also nicht nur den besten und erfolgreichsten Fußball in Österreich, sondern verdienen auch für das antirassistische Engagement ihrer Fans einen Spitzenplatz.

Etwas schlechter schaut die Situation in Salzburg aus. Noch vor drei Jahren beschimpften und attackierten Mitglieder des Austria-Fanclubs „Tough Guys“ den vereinseigenen Spieler Sammy Koejoe. Die »Tough Guys« entstanden aus der Hooliganszene. Insider wie Flo von den »Rebel Freaks« machen die »harten Jungs« auch für andere dubiose Aktionen verantwortlich. So stimmten einige Unbelehrbare beim letzten Auswärtsspiel in Innsbruck den alten Nazi-Schlachtruf »Wir haben euch was mitgebracht, Hass-Hass-Hass« an. Beim Heimspiel in Lehen tauchte das Transparent »Heute freSSen wir euch ihr linkes Pack« auf. Eine Provokation, die von den anderen Fanclubs geschlossen abgelehnt wurde. Neben den »Tough Guys« bilden die »Union 99 Ultras« die zahlenmäßig stärkste Gruppe in Salzburg. Beide Fanfraktionen mögen sich unpolitisch geben - die »Union 99 Ultras« erklären auf ihrer Homepage dezidiert, dass Ultra nicht rechtsradikal bedeutet. Fakt bleibt: Allein durch das Tragen von Anti-Che-Stickern positionieren sich diese Gruppen eindeutig rechts.

Ein kleines, aber feines Gegengewicht bilden die »Rebel Freaks«. Der aus ca. 10 Personen bestehende antirassistische Fußball- und Eishockeyfanclub existiert seit 2000 und nannte sich ursprünglich »Fanatics«. Am 13. April beteiligten sich die »Rebel Freaks« als einzige Salzburger Gruppe aktiv an der Anti-Rassismus-Woche von »FairPlay«. Von den Mainstream-Medien wird solch basispolitisches Engagement – genau wie die fremdenfeindlichen Ausfälle oder berechtigte Kritik aller Fanclubs an der rasanten Verkommerzialisierung des Spiels – zuverlässig ignoriert. In der heilen Fußballwelt sitzt die Politik auf der Ehrentribüne und darf via ORF gratis Imagewerbung in eigener Sache betreiben – ohne vom Kicken, von wenigen Ausnahmen abgesehen, auch nur einen blassen Schimmer zu haben.