september 2002

gelesen

Bücher

Malte Roeper

Der Himmel für drei Franken

Verlag Panico, 2002

Der im flachen Norddeutschland geborene Malte Roeper wurde einst als „der hoffnungsvollste Newcomer der deutschsprachigen Alpinliteratur“ gefeiert. Roeper war und ist nicht nur ein exzellenter Bergsteiger (Eiger Nordwand solo), heute ist er auch etablierter Schriftsteller.

Bekannt wurde er vor allem durch seinen – gerade für die oft wenig humorvolle deutschsprachige Alpinliteratur ungewöhnlichen – Sarkasmus und Spott. Mit dem vorliegenden Essayband präsentiert Roeper eine Art »Best of/Rest of« seines bisherigen Schaffens. Dass dabei das Klettern eine wichtige Rolle einnimmt, versteht sich von selbst: „Lydia hat wieder einmal brav mitgemacht, aber für sie selbst bleibt der Höhepunkt irgendwie unerreichbar“, heißt es in »Sex und Sportklettern« ironisch doppeldeutig. Jenseits des Bergsteigens erzählt Roeper über seine Zeit als Gagschreiber bei RTL und erlaubt so tiefe Einblicke in den bekannt bedauernswerten Zustand des deutschen Humors.

Dass zynischer Sarkasmus und Menschenfreundlichkeit durchaus zusammenpassen, beweist Roepers Vorschlag, die Schützengräben in Bosnien mit Wasser zu füllen und darin Delphine auszusetzen. Medial würde der Druck, den Krieg zum Schutz der gefährdeten Tiere zu beenden, wesentlich stärker werden, als er mit dem Appell zum Schutz von Menschenleben jemals sein könnte. Die Textsammlung »Himmel für drei Franken« macht Lust auf mehr von Roeper. Sein neuer Roman wird diesen November beim Salzburger Bergfilmfestival im DAS KINO präsentiert.

Thomas Neuhold

Michael Hardt/Antonio Negri

Empire. Die neue Weltordnung

Frankfurt/New York 2002,

Campus Verlag

Der 461 Seiten starke Wälzer gilt jetzt schon als das Kultbuch des 21. Jahrhunderts. Dabei gibt der Parforce-Ritt durch die europäische Geistesgeschichte mit seinem nicht leicht verständlichen Jargon und den vielfältigen philosophischen Verweisen - von den alten Griechen über den Humanismus der Renaissance zu Marx und Lenin und von dort weiter zum französischen (Post)Strukturalismus von Foucault, Deleuze und Guattari – einen schweren Lesebrocken ab.

Seit seinem Erscheinen (im amerikanischen Original im Jahr 2000) hat das Opus Magnum eine ungeahnte Resonanz in akademischen und linken Kreisen gefunden und heftige Debatten ausgelöst, die sogar zur Gründung von Lesezirkeln führten.

Vor allem leistet »Empire« eine ebenso fulminante wie umstrittene Stellungnahme zur Globalisierungsdiskussion. Als gewiefte Provokateure verwerfen die Autoren den historischen

Imperialismusbegriff. Dieser – der Imperialismus – sei tot, heute herrsche das Imperium (Empire) mit dem schrankenlosen Weltmarkt, das kein Machtzentrum mehr kenne (obwohl den USA eine privilegierte Position zuerkannt wird). Die Gesellschaft befinde sich in einer Umbruchphase. Für die Postmoderne müssen nur noch die geeigneten Totengräber gefunden werden. Der unscharfe Begriff der Menge (Multitude) – etwa die heterogenen Gruppen innerhalb der globalisierungskritischen Bewegung – bezeichnet die Netzwerke, die die herrschende Weltordnung von innen zerstören sollten. So weit die notgedrungen sehr vereinfachte Zusammenfassung der Kernthesen von »Empire«. Inwieweit die vor allem auch von orthodoxen Marxisten vorgebrachte Kritik an dem „Kommunistischen Manifest für die Jetztzeit“ (so emphatisch urteilte Slavoj Zizek) gerechtfertigt ist, mag der interessierte Leser selbst entscheiden. Bei allen Ungereimtheiten, Wunschbildern und -deutungen bleibt dennoch ein Plus übrig: für genügend Diskussionsstoff ist gesorgt.

Doc Holliday

Thomas Steinmaurer

Konzentriert und verflochten

Österreichs Mediensystem im Überblick

Studienverlag, Innsbruck 2002,

134 Seiten, 13,50 Euro

Eine Weisheit besagt: Wer etwa bei NEWS seinen Job als Journalist verliert, der kann sich aus Österreich gleich „vertschüssen“. Journalist ja, aber bitte anderswo. Es ist selbst für Laien erschreckend, wie verstrickt und monopolisiert sich die heimische Medienlandschaft nach den rasanten Umbrüchen in den 1990er Jahren darstellt. Thomas Steinmaurer präsentiert auf nur 134 Seiten nun gemeinsam mit Andreas Ungerböck („Film und Kino. Eine Nahaufnahme“) und Elfriede Scheipl („Buchverlage im Umbruch“) einen kurzen und prägnanten Überblick. Printmedien, Rundfunk und Telekommunikation sind hierzulande in der Hand weniger Konzerne (WAZ, Mediaprint, Raika, Gruner +Jahr,..), dies führt zu einer hohen wirtschaftlichen und publizistischen und letztlich demokratiepolitisch bedenklichen Konzentration. Was in westlichen Demokratien quasi als eine der „Grundlagen des Systems gilt“, der freie Wettbewerb im Mediensektor, ist in Österreich nicht mehr zu finden. Thomas Steinmaurers Buch dokumentiert das jahrelange völlige Versagen der österreichischen Medienpolitik – Kartellgesetze etwa beschloss der Nationalrat immer erst nach den großen Fusionen (Gründung Mediaprint, Kooperation Mediaprint – WAZ Gruppe), Liberalisierungstendenzen beim Rundfunk gab es nur auf Grund der Intervention des Europäischen Gerichtshofes. Das Buch besticht durch Faktenreichtum, Aktualität (Neues ORF Gesetz!!) und darf als Pflichtlektüre allen kritischen Medienkonsumenten empfohlen werden. „Im übrigen bin ich der Meinung, der Mediamil-Komplex muss zerschlagen werden“ – diesem Stehsatz von Armin Thurnherr in seiner wöchentlichen FALTER Kolumne ist bedingungslos zuzustimmen, bloß: Wer traut sich noch?

Thomas Randisek