dezember 2002 - jänner 2003

Wolfgang Zinggl

„Kultur ist ...“

... für den ORF und sein Fernsehprogramm bildungsbürgerliches Getue. Jede Menge harm- und zahnloser Berichte über Theater, Oper und Musikproduktionen, ein bisschen Film und völlig beliebige Seitenblicke auf die Malerei. Demgemäß setzt sich auch das Vokabular der Beiträge aus Platitüden zusammen, die in der Kunst normalerweise mit Dunkelhaft bestraft werden. Also ehrlich, wer kann noch Adjektiva aus der Ecke „irritierend, beklemmend, verstörend“ aushalten? Und weiß nicht mittlerweile selbst der hinterletzte Musikmanager aus St. Georgen, dass seine Combos, um John Lennons letzten Willen, nicht als »provozierend« oder »radikal« angekündigt werden dürfen.

Nicht so der ORF. Beschreibungen der Sorte »Wirklichkeit und Wunschvorstellung verschwimmen ineinander«(über Miro Svolik) sind die Regel. Tiefgreifende Analysen werden ausgespart oder bis zur Unkenntlichkeit vereinfacht, Inhalte und formale Umsetzungen bleiben unhinterfragt, der soziale Kontext steht nicht zur Disposition. Und wenn, dann mit Sätzen wie: „Mit dem Thema Armut haben sich Künstler zu allen Zeiten beschäftigt.“

Was Kultur ist, wird von der Redaktion interpretiert und bleibt immerzu in der Kategorie austauschbare Pulswärmer. Das Bundesgesetz, demzufolge „das Angebot an der Vielfalt der Interessen aller Hörer und Seher zu orientieren und sie ausgewogen zu berücksichtigen hat“, ebenso. Berichtet wird über das, was ohnehin gängig ist und was eh schon alle kennen: Herbert Grönemayer, Madonna, Richard Harris, „der als Charakterdarsteller alle Höhen und Tiefen erlebt hat“. Barbara Rett: „Richard Harris im neuen Harry Potter wird das weihnachtliche Kinogeschäft ankurbeln.“ Ganz platt wird auf das musische Pseudointeresse für gelangweilte Bildungsbürger runtergekocht, die nach den Sendungen um nichts mehr wissen als vorher. Berichtet wird darüber hinaus aber auch, insbesondere wenn es um österreichische Kunst geht, beliebig und willkürlich. Irgendjemand macht dann irgendwo irgendwas. Michaela Spiegel, Künstlerin, „vernetzt Systeme durch Wort und Bild ... ihre Kunst lebt von und mit der Sprache, ... sie experimentiert mit Assoziationen, ... und will mit ihrer Kunst einen Spiegel vorhalten ...“, Albert Drach wiederum „sezierte und protokollierte die Wirklichkeit .... wobei wichtig ist, dass er kritisch schreibt, aber auf jeden Fall unsentimental“ und die Erzählungen von Hans Georg Behr sind – : „farbig, plastisch amüsant“.

Dissidenz, Exzentrik oder Nischen werden ignoriert, die dafür angelegten Sendeformate krank geredet, krank gemacht und schließlich abgebaut. Beispiel »Kunststücke«: Das einzige Format für Avantgarde im Fernsehen wurde zuerst auf einen unmöglichen Sendeplatz verlegt, dann ist ihm lustiges Kabarett zwangsverordnet worden, „auf dass die Quote steige“, und dann, endlich ruiniert, wurden sie durch ein hippes Magazin ersetzt. In Salzburg soll es nach dem gleichen Muster der Radiosendung »Papageno« an den Kragen gehen.

Statt dessen Kontinuität, die mit dem Wort konservativ noch zu aufmüpfig beschrieben wäre. Als hätten sie programmierte Befehle auszuführen, leiern die Moderatoren und Moderatorinnen konditionierte Leerformeln herunter. „Schrill absurd mit ernsten Untertönen“ ist Karl Heinz Kratzl, und der Jazzherbst in Salzburg „soll Appetit auf improvisierte Musik machen ... wenn die Musiker gut drauf sind, erlebt man tolle Abende“. Ja und geht es gar um den Spaß im Kabarett lauten die Kommentare: „schräger Hardcore-Nonsense, vor dem kein Zwerchfell sicher ist ...“(über »Oropax«). Bleibt noch die Eigenwerbung. Ungeniert bewirbt der ORF das alles auf großflächigen Plakaten in ganz Österreich mit »Kultur-pur«.

Wolfgang Zinggl ist Mitglied der Gruppe WochenKlausur, Leiter des Depot Wien und Stiftungsrat des ORF.