april-mai 2003

gelesen

Bücher

Stefan Heym

Die Architekten

Btb-Verlag

Anfang März dieses Jahres jährte sich der Todestag von Josef Stalin zum 50. Mal. Die Medien waren voll mit Analysen und Polemiken zum Stalinismus beziehungsweise zur „Legende Stalin“.

Auch an neuen Büchern herrscht kein Mangel. Auffallend dabei: Ob der Fülle historischer Betrachtungen ist die Sichtweise jener Menschen ziemlich in den Hintergrund gedrängt worden, die den Stalinismus (er-, über-)lebten – ob als gläubige Systemträger oder als verfolgte KommunistInnen. Der Ende 2001 verstorbene Schriftsteller Stefan Heym hatte sich der zum Stalinismus gehörenden Themenkomplexe „Untertanentum“, „Willkür“, „Amoralität der Macht“ und „Verlust sicherer Werte“ bereits in den 60er Jahren im Roman „Die Architekten“ angenommen. Das Buch fand freilich weder in der DDR noch im Westen einen Verlag und erschien erstmals im Juni 2002. Es ist eines der wichtigsten Werke des Schriftstellers, Journalisten, Politikers und Sozialisten Heym.

Schon die Wahl des Bildes „Die Architekten“ ist treffend. Gerade die KommunistInnen verstehen sich ja als „Baumeister“ einer neuen Zeit: „Der Putz ist abgefallen von dem Bau, den wir immer zu errichten geträumt haben; und jetzt erkennen wir die Schwachstellen und Risse, die ganzen strukturellen Mängel; aber wir können auch feststellen, was und wieviel davon wir abbrechen sollten und wo der Unterbau verstärkt werden muß und welche Teile des Gebäudes zu rekonstruieren wären, damit es bestehen kann in Schönheit und Harmonie, so wie wir es immer haben wollten.“

Thomas Neuhold

Dylan Evans

Wörterbuch der Lacanschen Psychoanalyse

Turia+Kant 2002, 383 Seiten

„Artikuliert ist das Begehren, gerade weil es nicht artikulierbar ist.“ (Jacques Lacan)

Der französische Psychoanalytiker Jacques Lacan (1901 – 1981) verursachte nach Elisabeth Roudinesco nicht weniger als die „zweite psychoanalytische Revolution“, indem er Freud’s Psychoanalyse mit Philosophie (Kant, de Sade, Spinoza, Hegel, Husserl, die französischen Linksnietzscheaner um Bataille sowie Heidegger, über dessen Nazi-Sympathien Lacan sagte:„Wissen Sie denn nicht, dass es bei Menschen vorkommen kann, dass sie nicht auf der Höhe ihrer Werke sind?“) und der Linguistik (de Saussure) verband. Dazu kam früh der Surrealismus (speziell Dalís „paranoische Kritik“, auch war Lacan der Hausarzt von Picasso) und zuletzt James Joyces „Finnegan’s Wake“, wo Lacan eine Sprache vorfand, die seiner Theorie des Unbewussten (dem „inneren Ausland“ nach Freud) als „strukturiert wie eine Sprache“ sehr entgegenkam. Nur wurden die Texte Lacans zusammen mit ihrem einschüchternden Vokabular aus „Parolen und Kennwörtern“ (Malcolm Bowie) daraufhin schlichtweg als noch unlesbarer wenn nicht sogar als „Dunkel“ („psychotisch“) empfunden. Louis Althusser sprach sogar von „intellektuellem Terrorismus“ (worüber sich Slavoj Zizek bei seinen aktuelle Lacan & Lenin-Überlegungen wohl auch freuen dürfte), und natürlich wurden auch die Keulen des Intellektualismus und Elitismus gegen Lacan und seine Anhänger geschwungen.

Nach Malcolm Bowie („Lacan“), Elisabeth Roudinesco (“Jacques Lacan. Bericht über ein Leben, Geschichte eines Denksystems“) und Gondek, Hofmann, Lohmann („Jacques Lacan. Wege zu seinem Werk“) vollbringt Dylan Evans nun in seiner als Nachschlagewerk gedachten Einführung in die „klinischen“, d. h. psychoanalytischen Grundlagen von Lacans Denken (mit ca. 200 Einträgen!) das Kunststück, Begriffe und Termini der Lacanschen Theorie sowohl in Form eines anwendungsorientierten Basiswissens darzustellen wie auch in ihrem permanenten „Zustand des Gleitens“ bei dem ein „Verständnis“ nur durch/im Gebrauch möglich ist, es keine Konstanten, dafür konstante Verschiebungen und Entwicklungen gibt. Wohl mit ein Grund, warum die Lacansche Werkzeugkiste jenseits der Psychoanalyse (Literatur, Film, Kunst, feministische Theorien, Cultural Studies etc.) fast noch mehr geschätzt wird. Harte Nuss, aber mit garantiertem Mehr-Genuss als „Effekt im/des Realen“.

Didi Neidhart

Wer wird Revolutionär?

Das erste Quiz für rote Socken

Frankfurt/Main 2003,

Eichborn Verlag

Zusätzlich zu der seit 2001 bestehenden Webseite (www.wer-wird-revolutionaer.de) können Alt- und Neulinke Quiz-Verrückte jetzt ihr Wissen auch mittels dieses Buches überprüfen. Das Druckerzeugnis versammelt mehr als 200 Fragen („exklusiv und brandneu“, wie die Herausgeber von der Alternativen Liste der Uni Köln versprechen). Natürlich dürfen die dazugehörigen Antworten nicht fehlen, die fallweise durch erklärende Texte vertieft werden – Aufklärung tut schließlich Not! Der Volkskommissar für Bildung fordert: stärkt das Hirnschmalz, werft Asso, den Hundianer, vom Quizthron und verteilt die Endemol-Millionen unter den Bedürftigen (vorzugsweise den »kf«-Redaktionsmitgliedern). Vorher aber noch schnell diese Fragen durcharbeiten.

Doc Holliday

Karina Schwann

Breakdance, Beats und Bodrum. Türkische Jugendkultur

Wien–Köln–Weimar 2002,

Böhlau Verlag

Passend zu unserer Titelgeschichte ein reich illustriertes Buch über die Lebenswelten türkischer bzw. türkischstämmiger Migranten. Jugendliche der zweiten und dritten Generation aus Berlin (immerhin drittgrößte türkische Stadt) und Wien präsentieren ihre Kultur. Zu Wort kommen Musiker (etwa Szene-DJ Erdem Tunakan), Literaten, Schauspieler, Modedesigner, Kabarettisten, Filmemacher und lobenswerter Weise auch „einfache“ Menschen – Mann und Frau auf der Straße. Die Themenpalette reicht von Heimat, Familie, Beziehungen, Job, Bildung über Parkkultur, Clubbings, Hip Hop und Pop zu Kunst, Religion und Rassismus. Auch Kampfsport und Fußball fehlen nicht, schließlich wäre das österreichische Amateurboxen ohne die zahlreichen Migranten-Kids (neben den Türken dominieren in Salzburg beim Faustfechten die Kurden) heutzutage völlig undenkbar. Ein nützliches Buch, das O-Töne der Betroffenen sammelt, ohne diese zu interpretieren. Das selbstbewusste Motto lautet: „Wir stehen nicht zwischen zwei Stühlen oder Kulturen, wir haben längst unsere eigene.“

Doc Holliday