april-mai 2003

gehört

Musik

Turbonegro

The Movie (DVD)

Blitzcore/Ixthuluh

Um 40 Minuten verlängerter Spaß mit unseren allerliebsten Sleaze-Rockern, die dabei locker Baudrillard zitieren („The basic philosophy of our concept of darkness.“), ihr „Scorpio Rising“/„Cruising“-Lederschwulen-Image erklären (um Black-Metaller zu erschrecken, was auch funktioniert hat) und über ihren „stupid name“ reflektieren. Hamma ja imma scho g’wusst: Turbonegro sind Hirnis mit dem Gesamtwerk von „Grateful Dead“ im Wandschrank.

Gehört unbedingt geschaut!!!

Didi Neidhart

Deutsch Amerikanische

Freundschaft

Fünfzehn neue DAF Lieder

Superstar Recordings/Universal

Jürgen Teipels Doku-Roman „Verschwende Deine Jugend“ und die Folgen, Teil 2. Nach den „Fehlfarben“ melden sich nun mit „DAF“ die Ultraprovokateure (und neben Kraftwerk wichtigsten Techno-Miterfinder) nach mehr als 20 Jahren pause wieder zurück und lassen es auf dem Tanzboden gehörig „anti-amerikanistisch“ („Der Sheriff“) krachen. Das ist gleichermaßen gut wie platt, ergo POP! Immerhin waren DAF zumindest zwischen „Die Kleinen und die Bösen“ (1980) und „Alles ist gut“ (1981) wegen Lederschwulen-Image und Faschismus-Verdacht ( „Der Mussolini“) die beste, radikalste und funktionierendste Waffe selbst gegen jene Zeitgenossen, die Punk und New Wave im Zeichen repressiver Toleranz aufgeschlossener gegenübertraten. Das gilt so 2003 natürlich nicht mehr.

Dafür kommt die RAF zusammen mit Cassius Clay, Che Guevara, Bruce Lee, Emma Peel (!) und Raquel Welch (!) als „Pophelden“ ins Spiel („in meinem schönen kinderzimmer/damals noch im ruhrgebiet/herrschte immer die guerilla/guerilla ist der kleine krieg“. Zusammen mit Fehlfarbens „In Dispo“ eine klasse dialektische (alte) Retro-Garde.

Didi Neidhart

Various Artists

Russendisko – Hits

Trikont, 2003

Der in Moskau geborene Journalist („taz“) und Schriftsteller („Die Reise nach Trulala“) Wladimir Kaminer lebt seit 1990 in Berlin. Um das Exilantendasein samt unvermeidlichem Heimweh halbwegs erträglich zu gestalten, erinnern sich die Exilrussen einerseits an heimatliche Trinksitten (Wodka im Wasserglas – ex und hopp), andererseits organisiert Kaminer zusammen mit Yuriy Gurzhy seit einigen Jahren im Ostberliner „Kaffee Burger“ Tanzveranstaltungen.

Die „Russendisko“ hat längst – ähnlich den Schlagerabenden im Wiener „Chelsea“ vor gut zehn Jahren – veritablen Kultstatus erlangt. Die beiden Plattenapparatschiks versammeln auf dieser Kompilation nun 16 bewährte Hits von in unseren Breiten völlig unbekannten Künstlern aus Weißrussland, Moldawien, Russland, Estland, der Ukraine und dem Berliner Exil. Die schrägen Sounds, wilde Mischungen aus Ska und Klezmer, russischem Folk und Punk oder Avantgarde und Tex-Mex-Polka stammen von Unterhaltungskollektiven mit schönen und heute seltsam klingenden Namen: Leningrad, The Red Elvises – die im Song „Kosmonaut Petrov“ die herzzerreißende Geschichte eines „Zigeuners“ (O-Ton: Kaminer), der von Außerirdischen entführt wird, erzählen – oder von Rot-Front (die den Kraftwerk-Klassiker „Die Roboter“ durch den Fleischwolf drehen). Wenn verhinderte Traktoristen die Balalaika traktieren, dann verzaubert uns die einst gefürchtete Stalin-Orgel mit einem ganz neuen Klang! Nasdrowje!

Doc Holliday

Calexico

Feast Of Wire

City Slang/Labels/EMI, 2003

Die Wüste lebt oder hier ist der Wurm nur in der Mescal-Flasche drin: Joey Burns und John Convertino sind „Calexico“.

Das umtriebige Duo aus Tucson, Arizona – durch ihre Arbeit mit Giant Sand auch in der Salzburger ARGE keine Unbekannten – legt ihre vierte reguläre (mit den Tour-CDs gar die achte) Platte vor. 16 Songs über zerstörte Hoffnungen, über die Kehrseite des American Dream.

Atmosphärisch stimmige Lieder zwischen Country-Rock-Waltz (mit Neil Young-Stimme und der Pedal Steel des Gastmusikers Paul Niehaus von „Lambchop“), imaginären Italo-Western-Soundtracks im Breitwandformat, dunklem Jazz und Tex-Mex: mit Hilfe von Bläsern, feinen Streicherarrangements, Akkordeon-Weisen, entrücktem Space-Keyboard und Mariachi-Elementen driftet der geneigte Hörer durch die endlose Wüste und überwindet mittels der Musik die Grenze zwischen den USA und Mexiko (Calexico ist in Wirklichkeit ein südkalifornischer Grenzort, dessen mexikanische Nachbarstadt Mexicali für die Armen aus dem Süden oft die Endstation auf ihrer Reise in die gelobten Staaten darstellt). Noch nie zuvor klang „Americana“, also der alternative Country, so schön und verführerisch, trotz der traurigen Geschichten über Loser und White & Brown Trash: Happy Hour in der Peyote-Cantina near Hell.

Doc Holliday

Various Artists

Drop The Debt – Streicht die Schulden

Exil Music/Hoanzl

Mehr als nur eine Benefiz/Licht-ins-Nirgendwohin-CD. Die französische Organisation „Say It Loud!“ hat zusammen mit 20 unabhängigen Plattenfirmen, die jeweils im Verbund mit einer nationalen NGO (in Österreich ist das ATTAC) agieren, den nun vorliegenden Sampler in Sachen Schuldenerlass für die Dritte Welt initiiert. Zu Wort kommen dabei KünstlerInnen aus eben jener Dritte-Welt-Regionen, die mittlerweile nicht mehr einfach nur auf Mitleid (bzw. Multikulti-Scheintoleranz) aus sind und sich dementsprechend in Wort und Musik artikulieren. Kurz: Allein der Musik wegen (alles da zwischen Reggae, HipHop, Afro-Beats anno 2003) schon super. Von politischem Umdenken kann man sich dadurch natürlich nicht freikaufen.

Didi Neidhart

Lauschtipp 1:

Cafe Bizarre – Sonic Adventures mit Didi Neidhart, jeden Sonntag, 18.00 – 19.00 Uhr auf der Frequenz der Radiofabrik (107,7 MHz)

Lauschtipp 2:

Lange Nacht der Musik 2003

10.5.2003 – skug presents: „SOUNDSEXUALISIERUNG“ (fluc/Praterstern, Wien)

feat. skug-DJ-Trio Infernale (Magdalena Blaszczuk, Didi Neidhart & Noël Akchoté) – Beginn: 21 Uhr (ab 24 Uhr Live auf FM4)