juni-juli 1999

Anton Gugg

Musik, Magie, Moneten

Am 16. Juli vor zehn Jahren starb Herbert von Karajan

Die Figur Herbert von Karajan polarisiert noch heute, zehn Jahre nach dem Tod dieses letzten »allmächtigen« Herrschers über große Teile des Musikbetriebes, die Geister. Die geteilten Lager äußern sich nach wie vor leidenschaftlich. Für die »Verächter« war Karajan der große Verflacher der »Hohen Kunst«, der Erfinder und geschäftstüchtige Vollender der »Massenkultur« des Klassischen. Für die »Anbeter« ist Karajan die letzte Inkarnation des Genies am Pult, der letzte echte Magier mit dem Zauber-Dirigierstab.

Faktum ist, daß sich der Musikbetrieb im vergangenen Dezennium grundlegend gewandelt hat. Nach dem Höhepunkt der Industrialisierung des Klassik-Marktes unter dem Kommando des »Karajan-Imperiums« hat die Tonträger-Industrie zur Kenntnis nehmen müssen, daß Kaufanreize zunehmend verlöschen und auch die Opernhäuser und Konzertsäle füllen sich seit dem Aussterben der mystisch umwehten Pult-Zampanos nicht mehr so mühelos. Absatz- und Umsatzkrisen im Vertrieb »purer« E-Musik haben die Hersteller inzwischen auf obskure Bahnen der Vermantschung und Verwässerung gelockt. Das Verschwinden der alles beschattenden Pult-Götter wie Bernstein und eben Karajan hat aber auch das Wachstumslicht für eine zuvor nicht gekannte Vielfalt an ästhetischen »Separatisten« enorm verstärkt.

Anstelle »unerreichbarer« Pult-Denkmäler gedeihen heute in schier unüberschaubarer Zahl auf dem Humus der »Historischen Aufführungspraxis« höchst unterschiediche Musizierideale - alle mit eingeschworener, fast militanter Anhängerschaft. Künstlerische Verlierer bei fortschreitender Verästelung des geschmacklichen Mainstreams in ein Netz unterschiedlichster Positionen sind Karajan-Traditionalisten und Epigonen wie Claudio Abbado, die ohne annähernd vergleichbare charismatische Vermittlungsfähigkeit bis heute an des Maestros hyperkulinarischer Klangästhetik festhalten.

Aus der historischen Distanz hat vieles von dem, was Karajans einst unbestreitbares, sich in Plattenverkäufen, Schwarzmarktpreisen und Medienrummel niederschlagendes Faszinosum ausgemacht hat, erhebliche Falten bekommen. Verwelkt ist die Anziehungskraft der pompösen, voluminös aufgedonnerten, oberflächenhochglanzpolierten Werkin-szenierungen, die so vortrefflich dem Geschmack der Wirtschaftswunder-Generation entsprachen. Präzision, Power und Supermanagement, diese Pfeiler der Aufbau-Generation, wollte man jahrzehntelang auch in Konzert und Oper spüren und niemand hat diese Wünsche tiefer befriedigt als der Pilot, Rennfahrer, Bergsteiger, Profitmacher, der Mächtig-und Laut-Spieler, der Dompteur von Statistenmassen, der Taktstock-Diktator und Technik-Fetischist Karajan.

Exzentriker mit dem Hang zur Selbstdarstellung hat es schon vor Karajan nicht zu knapp gegeben, aber niemand vorher und nachher hat seinen Totalrückzug aus der Öffentlichkeit, seine Introvertiertheit und seinen Eigensinn über einen exakt gesteuerten Medien-Apparat nachhaltiger dämonisiert als dieser Erzfeind aller Zufälligkeiten.

Karajan hat sich ostentativ allem Gesellschaftlichen verweigert und dennoch war er eine öffentliche Person ersten Ranges - bekannter als die Callas und Nurejew zusammen, ein unnahbarer, sich jeder Kritik entziehender Höchstkultur-Gott in »splendid isolation«, unverwundbar und nicht zu entzaubern, auch nicht nach den Enthüllungen über Erfolgs-Strategien in der Nazizeit und später, nicht nach sonderbaren programmatischen Entscheidungen bei den von ihm total beherrschten Salzburger Festspielen und einem musikalischen Niveau nicht weniger später Aufführungen, die keineswegs dem Mythos dirigentischer Unfehlbarkeit entsprachen.

Sicherlich war Karajan kein Widerstandsheld, er war aber auch kein Nationalsozialist oder sonst irgendeiner Ideologie Parteigänger. Er war immer nur er selbst, hemmungs- und rücksichtslos seinem Künstlertum ergeben und mit steigendem Alter immer mehr dazu bereit, alles auszuschalten, was seiner Selbstentfaltung hinderlich und ihm selbst nicht bedingungslos ergeben war. Der Grund für das Blitzeschleudern des Zeus konnte nicht gering genug sein. Er feuerte Sänger-Lieblinge bedenkenlos, krachte sich nach Jahrzehnten engster »Ehe« mit den Berliner Philharmonikern, opferte beim geringsten Aufmucken »seine« Geschöpfe, kritisierte schließlich die von ihm kontrollierten, eifersüchtig vor möglichen Konkurrenten bewahrten und daher in Selbstbespiegelung erstarrten Salzburger Festspiele.

Salzburg hat vom Machtmenschen Karajan, vom unpolitischen Politiker, dem kein echter Landesherr zu widersprechen gewagt hätte, äußerst gut gelebt. Der Society-Verächter machte die Mozartstadt zum Nabel der Superreichen und Extra-Schönen sowie zum Spielplatz der Tonträgerindustrie und Agenturen. Paradiesische Zustände, mit denen der noch herrschende Festspielintendant zum Leidwesen aller Profiteure aufgeräumt hat.

Was von Karajan bleibt, ist die Erinnerung an einen genialen Egozentriker, der wie kein anderer die Fäden des Betriebes zog, seine absolutistisch regierten Opern- und Konzertreiche schuf, sich mit der Industrie verbündete, Milliarden brachte und für sich Milliarden machte. Er mußte niemanden fragen und hat auf niemanden gehört, schon gar nicht auf die Kritik. Ein gehässiges Bonmot bescheinigte ihm, am besten bei schlechter Musik zu sein. Eine durchaus falsche Einschätzung, denn Verdi, Wagner, Bruckner, Brahms, Tschaikowsky, Strauss, Mahler, Schönberg und all die anderen Komponisten des 19. und 20. Jahrhunderts, deren Hauptwerken er sich gerade in den letzten Lebensjahren immer wieder mit steigender Intensität näherte, sind nicht die schwächsten ihrer Zunft und nicht jeder muß auch ein unerreichbarer Interpret von Bach, Mozart und Beethoven sein.

Karajan war der letzte Musiker, der in »idealistischer Anmaßung« die Höhepunkte des gesamten Musikrepertoires verewigen wollte. Ihm ging es um die gültige Gestalt etwa des Verdi-Requiems oder der Beethoven-Symphonien. Heute kräht allerdings kein Hahn mehr nach den Bildplatten und TV-Filmen mit dem vor Erregung zitternden Profil des Maestros und der edlen Pantomime seiner Hände. Bei aller auch heute noch aufregenden, kaum mehr erreichten Sinnlichkeit und Farbigkeit vor allem beim spätromantischen (Opern)Repertoire ist Karajans opulenter, einst marktführender Klangheroismus altmodisch geworden. Zehn Jahre nach der vermeintlichen Katastrophenmeldung für die Musikwelt und speziell für Salzburg hat sich die Relativität auch der höchsten Ansprüche herausgestellt. Der an sich problematische Begriff der Wahrhaftigkeit ist seit damals enorm wichtig geworden und die Verliebtheit in den Glanz hat abgenommen. Eigentlich erstaunlich in einer sonst nach Oberflächenreizen süchtigen Kunst-Konsumwelt.