mai 1999

Romana Klär

Ins Bild gerückt

Lebhafte Film-Szene im Studio West

Spätestens seit Ulrich Seidls »Tierische Liebe« KinobesucherInnen zu heftigen Diskussionen verführte und Michael Glawoggers »Megacities« die Kassen nachhaltig klingeln lassen, scheint durch Österreichs Kinosäle ein frischer Wind zu blasen, der heimische Film- und Video-Dokumentationen in der Gunst des Publikums heftig mit nach oben trägt.

Mit weniger finanziellen Mitteln ausgestattet, deshalb aber nicht minder beachtenswert, läßt seit etlichen Jahren auch in Salzburg eine lebhafte Doku-Szene verstärkt mit neuen Produktionen ihr Publikum Augen machen.

»woher kommt der klang?« (Hermann Peseckas) und »sarajevo. stadt nach dem krieg« (Mario Jandrokovic/Hermann Peseckas und Tommy Schneider) heißen beispielsweise zwei Dokumentationen freier Filmemacher, die jüngst im DAS KINO präsentiert wurden. Die eine begleitet Tonkünstler wie Herbert Grassl, Gerhard Laber oder Wolfgang Seierl bei ihrer Suche nach den immer neuen Ursprüngen des Klangs. Sie finden ihn in Steinen, in der monotonen oder rhythmischen Bewegung aller erdenklichen Requisiten auf einem Plattenspieler genauso wie in selbst gefertigten Instrumenten. Wie bei den meisten seiner rund 30 Filme, läßt auch hier Peseckas seinen Protagonisten reichlich Spiel-Raum zur Selbst-Darstellung.

»sarajevo. stadt nach dem krieg« läßt Bewohner von ihrer Stadt erzählen, die weniger aufgrund von ethnischen Konflikten zur Zielscheibe des Hasses wurde, sondern vielmehr wegen der Tatsache, daß hier bis zu ihrer Belagerung und Zerstörung unterschiedliche Kulturen und Religionen eine einzigartige Form von Urbanität verkörperten. Ausführungen des Architekturtheoretikers und Schriftstellers Bogdan Bogdanovic, der zwischen 1982 und 1986 Bürgermeister von Belgrad war, bilden den Rahmen des Film-Essays. Menschen erinnern sich an die Schrecken des Krieges, daran, wie sie gemeinsam in Sarajevo ausharren und überleben konnten und wie sich nun, in der Stunde Null, Isolation und Ausweglosigkeit breit machen.

Nach der Uraufführung in Sarajevo und der Präsentation in Salzburg laufen derzeit Verhandlungen der Filmemacher mit österreichischen und deutschen Fernsehsendern, die sich Übertragungsrechte sichern wollen.

Geschnitten wurden die beiden Dokus nach wochenlangen Dreharbeiten im »Studio West«, das auch das professionelle Equipment für die Aufnahmen zur Verfügung gestellt hatte.

Neben den MitarbeiterInnen von »Aktion Film« und »Off-Screen« sind die KünstlerInnen, die im Studio an der Auerspergstraße seit nunmehr fünf Jahren werken, beständig am kulturellen Geschehen der Stadt beteiligt. Sichtbar werden allerdings meist »nur« die Ergebnisse ihrer monatelangen Recherchen, Interviews und Drehs. Als Werkstatt, in der die Film- und Videoschaffenden auf »optimale Vermarktbarkeit« ihrer Produktionen weitgehend verzichten und statt dessen ohne Quotendruck künstlerischen und/oder gesellschaftlichen Entwicklungen zwischen Salzburg, Sarajevo, St. Petersburg und Burkina Faso mit dem Kamera-Auge nachspüren sowie die Menschen, die hinter und vor diesen Veränderungen stehen, ins Bild rücken, bleibt das Studio noch allzuoft von der Öffentlichkeit unbemerkt.

Derzeit arbeiten MitarbeiterInnen u. a. an einer Doku, die sich mit Überlebenden bzw. Angehörigen von NS-WiderstandskämpferInnen in Salzburg befaßt. Hermann Peseckas bereitet sich auf Dreharbeiten in St. Petersburg vor, wo er Maler, Musiker und Schriftsteller, die an der »Puschkinskaja 10« unter schwierigsten Bedingungen leben und arbeiten, porträtieren wird. Ein Besuch russischer KünstlerInnen in Salzburg ist für kommendes Jahr geplant.

Abgesehen vom frischen Geist der MitarbeiterInnen, der in den nächsten Monaten und im kommenden Jahr weitere Premieren in Aussicht stellt, macht das Studio noch auf andere Weise auf sich aufmerksam.

Künftig werden auch Jugendliche verstärkt vom Know-How der FilmerInnen profitieren. Die Arbeit mit professionellen Geräten sowie die inhaltliche Auseinandersetzung mit Film und Video dürften keine Geheimwissenschaft bleiben, heißt es im Studio. Gerade junge Leute wollen Medien nicht nur passiv konsumieren, sondern selber Hand an die Kamera legen, um hinter die verführerische Welt der Medien blicken zu können. Workshops mit SchülerInnen und Lehrlingen, die beim Projekt »Sprechblase«, das in Zusammenarbeit mit den Vereinen Akzente und Kreativ im Schuljahr 1997/98 von MitarbeiterInnen des Studios realisiert wurde, mitgemacht haben, sind ein Beispiel dafür. »Medien einmal aktiv gestalten. Eigene Gedanken und Wünsche zu artikulieren und dabei auf der anderen Seite der Mattscheibe zu stehen«, lautete das Motto der TeilnehmerInnen aus verschiedenen Berufsschulen in Stadt und Land. Nicht zuletzt ergab sich in den Workshops die von den InitiatorInnen wohl erwünschte Reflexion des Medienalltags junger Leute. Das Video »Ein schrecklich netter Fernseher«, das SchülerInnen der Hauptschule Lehen während mehrerer Tage »Medienentzug ohne pädagogischen Zeigefinger« in einem ehemaligen Landgasthaus nahe Flachau gedreht haben, zeugt ebenso davon wie die äußerst heitere »Puup Show« der Berufsschule II, eine »Live-Aufzeichnung«, die im Rahmen von »Sprechblase« entstanden ist.

Studio West, der Nachfolgeverein der 1982 aus der Rainberg-Bewegung gewachsenen »Medien Agentur« versteht sich als offenes, nicht-kommerzielles Zentrum, das einerseits technische Infrastruktur, andererseits aber auch nötiges Know-How für freie Film- und Videoschaffende bereit hält. Dabei sei das Studio keineswegs nur »Dienstleistungsbetrieb«, heißt es von seiten des Vorstands. Auch wenn Kamera und Schnittplatz an (selbst kommerzielle) FilmemacherInnen günstiger als am freien Markt vermietet werden, sei die Kooperation mit Kulturinstitutionen in Stadt und Land wesentliche Aufgabe des Vereins. Die Mitgliedschaft im »Dachverband Salzburger Kulturstätten« etwa hilft, Wege zu formulieren, wie die kulturelle Verknüpfung mit bereits bestehenden Institutionen weiter vertieft und schließlich eine zumindest mittelfristige finanzielle Absicherung des Vereins erreicht werden könnte. Entscheidend bleibt hier - wie bei anderen Kunst- und Kulturbetrieben - der politische Wille in Stadt, Land und Bund.

Wenn man im Studio weiterhin professionell arbeiten wolle, so Hermann Peseckas, müsse künftig vor allem stärker in die technische Ausstattung investiert werden. Beta-Kamera und Schnittplatz seien aufgrund der raschen technischen Veränderungen früher oder später Auslaufmodelle, sagt der Profi-Filmer. Der Schritt ins »digitale Zeitalter« sei noch immer nicht ganz vollzogen. Außerdem platze das Studio, das in einer rund 80 qm großen 3-Zimmer-Wohnung in Schallmoos untergebracht ist, mittlerweile aus allen Nähten. Gerade durch den geplanten ARGE-Umbau könnte sich eine Lösung - nicht nur für das Studio - ergeben: In einem »Medienzentrum«, das im Nonntal die Zusammenarbeit beispielsweise zwischen freien Filmschaffenden, Radio- und ZeitungsmacherInnen und den Subnet-Leuten - einer Plattform für Medienkunst und experimentelle Technologien - ermöglicht, wäre die Verortung einer alternativen Medienszene in Salzburg sicherlich wünschenswert. Einerseits würde sich ein reger Erfahrungsaustausch zwischen ProduzentInnen, TheoretikerInnen und NutzerInnen anbahnen, andererseits könnte so endlich auch die »Emigrationswelle« junger Medien-künstlerInnen aus der Stadt aufgehalten werden.