dezember 1998

Wifried Steiner
schön und gut

DIAGONALE EMPFIEHLT...

... die Einführung einer Schonzeit für bedrohte Wörter. Durch wiederholten Mißbrauch gefährdete Begriffe sollten nach Art des Tierschutzes vor dem Aussterben durch Aushöhlung bewahrt werden. Wörter sterben ja bekanntlich von innen her aus, durch gnadenlose Dauerverwendung, Zwangsmetaphorisierung oder ideologisch motivierte Sinnverschiebung zum Beispiel.

Eine eigens dafür ins Leben zu rufende Sonderkommission, eine Art » Word Wildlife Fund«, könnte monatlich neue rote Listen besonders geschundener Wörter erstellen, deren Gebrauch dann für mindestens sechs Monate allen Staatsbürgern untersagt wäre. Freiberufliche Wortschützer würden fortan unangemeldet bei diversen Zusammenkünfkten auftauchen, würden einfach so herumsitzen, mit einem Notizblock auf den Knien.

Beim momentanen Stand der Dinge würden natürlich Adjektiva im semantischen Umfeld von »fleißig« und »anständig« ganz oben stehen, vor allem in Verbindung mit Staatsbürgerschaftsbezeichnungen.

Aber nicht nur Vertetern durchschaubarer Demagogie würde durch derartige Maßnahmen die Luft aus den Sprechblasen gelassen, auch der bunte, sprechende Papagei der Semiintellektuellen müßte ganz schön Federn lassen. Es sei nur an das einst unschuldige Partizip »vernetzt« erinnert, das heute mit jedem dahergelaufenen Substantiv zu einer halbseidenen Metapher verkuppelt wird. Und wer kann sich noch das sinnenfrohe Wörtchen »Synergieeffekt« auf der Zunge zergehen lassen, ohne sofort das Gefühl zu bekommen, gemeinsam mit zahnlosen Füchsen Kaninchenkötel zu lutschen?

Aber ich will der Kommission nicht vorgreifen. Fest steht nur, daß Übertretungen der Verwendungsverbote zumindest symbolisch exekutiert werden müßten. Zuwiderhandlungen könnten etwa mit Zwangsberieselung durch Ö3-Moderationstexte nicht unter drei Stunden, der verpflichtenden Anwesenheit bei einer vollständigen Max-von-der-Grün-Lesung in einem Arbeiterkammersaal oder einem interaktiven Josefstadt-Jahresabo (wos sogt a?) bestraft werden. Hartnäckige Wiederholungstäter werden nach Salzburg in die Verbannung geschickt und müssen regelmäßig an den Vorstandssitzungen der alternativen Kulturvereine teilnehmen. Hat hier jemand »globales Dorf« gesagt?

Der Text erschien erstmals in gekürzter Version im Radiomagazin Diagonal am 7. 11. 98 in Ö1.