märz 2000

Ulrike Ramsauer
im gespräch

»Funkverkehr nach Berlin: hallo, hallo, hallo«

Der »kf« sprach mit der österreichischen Autorin Kathrin Röggla

Nach Erscheinen ihres ersten Prosabandes »Niemand lacht rückwärts« 1995 war sich die Kritik einig, Kathrin Röggla treffe das Lebensgefühl ihrer Generation - was immer das auch bedeuten mag. Eine der wenigen sei sie, die wieder mit und an der Sprache arbeiten. Dass sie damit auf große positive Resonanz in der literarischen Öffentlichkeit trifft, ist nicht selbstverständlich und bis auf Ausnahmen wie Franzobel kaum einem jungen österreichschen Autor/einer Autorin in den letzten Jahren widerfahren. Ihre Textminiaturen sind durchaus experimentell zu nennen, keineswegs jedoch »schwere Kost«: Es handelt sich um Momentaufnahmen eines vielstimmigen Alltags, Sprachfetzen aus Jargon und Slang, Österreichisch und Berliner-isch, die mit Leichtigkeit und Ironie neu montiert und umgedeutet werden.

Vor wenigen Wochen präsentierte Kathrin Röggla, die 1992 von Salzburg nach Berlin gegangen ist und dort als freie Autorin lebt, hier im Literaturhaus ihr drittes Buch »Irres Wetter«.

Dein Roman »Abrauschen« wurde als erfrischende »Urbanprosa« gelobt. Wie nicht wenige österreichische AutorInnen bist du in den neunziger Jahren ins Ausland gegangen. Braucht deine spezifische literarische Arbeit überhaupt eine Art von Milieu, wie du es hier vorfindest?

• Ja. Mit »erfrischender Urbanprosa« kann ich zwar nichts anfangen. Wohl aber scheint es eine in der Moderne angelegte Verbindung von Stadt und Literatur zu geben, die möglicherweise auch für mein Schreiben wichtig ist. Großstadt hat viel mit Diversität, unterschiedlichen Jargons, Vielsprachigkeit, Wahrnehmungsintensität zu tun und ich hoffe doch, dass sich das in meinen Texten formal niederschlägt. Ausserdem reagiere ich auf das, was ich erlebe, was ich wahrnehme und sehe. Den Erfahrungsbegriff würde ich niemals absolut setzen oder normativ für »gute« Literatur, Erfahrung ist ja auch etwas unheimlich Vielschichtiges. Aber für mich in der Praxis hat sich einfach herausgestellt, dass ich nur in der (Groß-)Stadt schreiben kann. Am Land werde ich seltsam dröge, wie man hier so schön sagt.

In Berlin leben über tausend AutorInnen, welche Möglichkeit hattest Du oder hat man als »Exil«-Österreicherin, hier zur Literaturszene Zugang zu finden?

• Ich habe/hatte dieselben Möglichkeiten wie andere. Die meisten hier sind »Zugereiste«, es gibt keine genuine Szene. Und doch, wenn ich länger überlege, anfangs kam ich mir schon ziemlich fremd hier vor. Es heißt, man braucht in Berlin sieben Jahre, um hier wahrgenommen zu werden.

Ich kam überdies zu einem extrem ungünstigen Zeitpunkt nach Berlin: 1992 waren alle mit dem Stasi-Skandal um Sascha Anderson beschäftigt und die Westberliner Fünfzigjährigen wie Kieseritzky, Delius etc. erschienen mir damals sehr snobistisch und nicht interessiert an Jüngeren, aber warum sollten sie auch. Die Meinung habe ich jetzt allerdings etwas revidieren können. Ansonsten weit und breit keine Literaturszene, was auch gut so war. Ich behaupte ja bis heute, dass es keine »Literaturszene« jenseits des Großbetriebes in Berlin mehr gibt.

Was Förderungen angeht, sind die Berliner »ausländerfreundlicher«. Sobald man seinen ständigen Wohnsitz hat, kann man hier beim Senat ansuchen. Allerdings gibt es im Vergleich zu Österreich viel weniger Stipendien.

In jüngster Zeit finden sich gerade AutorInnen wie Zoe Jenny (»Das Blütenstaubzimmer«) und Bettina Galvagni (»Melancholia«), die noch keine dreißig Jahre alt sind, im Zentrum des Medieninteresses, ein Phänomen, das sicher auch durch geschicktes Marketing der jeweiligen Verlage initiiert wurde. Wie verortest du dich innerhalb des Literaturbetriebs als eine dieser Generation?

• Das Problem ist, dass in der Literaturkritik immer mehr außerliterarische Kriterien im Vordergrund stehen. Eben biographische Details, das Alte, ja, diese leidige Generationenmasche. Kaum jemand hält sich noch mit den Texten selbst auf. Ich glaube nicht, dass es alleine mit den PR-Abteilungen der Verlage zu tun hat, sondern auch mit der Bereitschaft des Feuilletons, da mitzumachen, einer gewissen Müdigkeit der Redakteure, einem sich Anbiedern-Wollen an eine vermeintliche Jugendlichkeit. Der einzig produktive Mode-Begriff »Pop« wurde auch seltsam abgenudelt. Das fand ich schade. Dabei würde diese Pop-Geschichte, mehr von der frühen Jelinek her gedacht, richtig Sinn machen, etwas von der jetzigen gesellschaftlichen Situation her zu erkennen. Aber wie das hier halt so ist, kaum schreibt jemand über Musik, ist es schon Pop. Nur wenige gucken, in welcher Form das geschieht.

Um zu Zoe Jenny und Bettina Galvagni zurückzukommen: Ich glaube nicht, dass ich mich da verorten muss, nur weil es Frauen sind, die in meinem Alter oder jünger sind. Ich verorte mich zwischen Elfriede Jelinek, Hubert Fichte, Konrad Bayer, Jean Paul, Arno Schmidt. Ich habe das jetzt so verstanden: wo ich Bezüge sehe, woran ich mich reiben kann, wovon ich etwas lernen kann. Das hat zunächst nichts mit Wertung zu tun, mehr mit Interesse.

Dein Schreiben steht in der Tradition experimenteller österreichischer Literatur - 1995 hast du etwa den Reinhard Priessnitz-Preis erhalten - und kann den Bezug zu Mitgliedern der Wiener Gruppe, zu Friederike Mayröcker und Elfriede Jelinek nicht verbergen. Wie siehst du dich in dieser Tradition und wo findest Du Anregungen in der österreichischen Literatur?

• Natürlich sehe ich mich stark in Zusammenhang mit der österreichischen, sogenannten experimentellen sprachskeptischen Tradition. In Berlin erschien es mir immer wichtiger, wegzukommen von einer eher abstrakten oder theoretischen literarischen Haltung, mehr hin zu einem poetischen »Dokumentarismus«, wobei der Begriff poetisch schwierig ist... Nicht das verschmockte Poetische, mehr eine Auseinandersetzung über die Sichtbarmachung von Phänomenen, die nicht auf der Oberfläche liegen. - Also eine Verdichtung, Zuspitzung erreichen mit den klassischen Techniken Montage, Collage, Umkehrung von logischen Verknüpfungen, Verdrehungen, Übertreibungen, Rhythmisierung usw. Aber das mit dem Dokumentarischen ist auch nur ein Anziehungspunkt, mal sehen, wie's weitergeht.

Neben der literarischen Arbeit machst du auch Videos und Performances - welchen Stellenwert hat deine Textarbeit innerhalb Deines medialen Schaffens?

• Ich habe lange keine Videos mehr gemacht, nur einen Hypertext im Jahr 1999 - zusammen mit der »Perspektive«-Autorin Sylvia Egger, auch eine Salzburgerin, die als Webdesignerin mitarbeitete - und Hörspiele bzw. »Audio-Art«, wie es so schön charmant heißt. Die nicht-sprachlichen Bilder haben mich, scheint's, verlassen. Aber die Akustik kommt - voll und ganz. - Welchen Stellenwert? Dialog, Metamorphosen, Bewegung des Textes. Der Text hat Raum plötzlich. Das ist doch klasse, oder?

Herzlichen Dank für das Gespräch!

Buchtip: Kathrin Röggla, Irres Wetter, Residenz Verlag, ca. öS 278,-

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