august 1998

Didi Neidhart

SCHLINGENSIEF ATTACKS! Auf der Jagd nach dem Phantom, Akt 1

Anmerkungen zur Aktion »Verbietet Schlingensief« des Salzburger VP-Bürgermeisters und Kulturressortleiters Josef Dechant

Wäre die Angelegenheit nicht so ernst, die Auseinandersetzung zwischen Christoph Schlingensief, dem »Dieter Thomas Heck der Linksradikalen« (TIP), Bgm. Dechant (als agent provocateur ex machina) und der Szene als »Verfechterin künstlerischer Autonomie auf verlorenem Posten« (Süddeutsche) gäbe ein herrliches Sommertheater ab. Aber selbst die Stuttgarter Nachrichten, das Hausblatt von Helmut Kohls CDU, konnte nicht umhin, die Kunde, welche sie aus Salzburg bekam als das zu beschreiben, was sie de facto ist: »Schlingensief ist in Salzburg Opfer der Zensur geworden.«

Natürlich ist die Salzburger Schlingensief-Aktion seit dem ersten kleinformatigen Bericht über eine geplante Sandlerinvasion am Wolfgangsee zur Überschwemmung der Kohl-Villa am Laufen. Nicht ohne Ironie stellt daher auch Szene-Chef Michael Stolhofer fest: »Selbstverständlich ist das jetzt das Stück geworden. Wobei die Hauptdarsteller - Kronen Zeitung und Dechant - aus Steuermitteln und nicht aus unserem Budget bezahlt werden.« Zu recht meinte auch der Kurier: »So brav wie Salzburgs Bürgermeister Josef Dechant hat noch nie jemand bei einem Theaterprojekt von Christoph Schlingensief mitgespielt.« Doch ändert dies alles nichts an den realen Effekten und möglichen Konsequenzen für die Salzburger Kulturszene.

Die ganze Angelegenheit ist zu ernst, um sie allein auf der Ebene einer (gelungenen) Internet-Geschichte, oder als medialer Diskurs (ohne den es Schlingensiefs Aktionen gar nicht geben könnte) zu verhandeln. Wiewohl gerade durch den hier aufgefahrenen Desinformationsapparat eine Logik transparent wird, die »Wirklichkeit« einzig und allein durch die Macht der Auflagenstärke und aus populistischem Kalkül bestimmt.

Es hat wenig Sinn, sich darüber lustig zu machen, daß das Büro Dechant und die Salzburger Krone scheinbar alles glauben, was Schlingensiefs »Spaßguerilla« (Falter) im Netz verbreitet (für das Büro Dechant laut einer Aussendung allein schon Grund genug, das Projekt abzulehnen), wenn genau dieses Für-bare-Münze-Nehmen Mittel zum Zweck in Sachen restriktiver Kulturpolitik ist. Es nützt auch wenig, darauf hinzuweisen, daß Kohl Anfang August gar nicht am Wolfgangsee weilt, das im Internet abgebildete Haus nicht die Kohl-Villa ist, einen Mausklick weiter auch Berti Vogts als Minister der »Anarchistischen Pogo Partei Deutschlands« ausgewiesen wird und es heuer in Hamburg keine Wahl gegeben hätte, bei der die »Chance 2000« acht Mandate gewonnen hat - damit begründete Dechant im Stadtsenat unwidersprochen (!) Schlingensiefs »Politikerstatus«.

Noch mehr als bei den »Chaostagen 1997« (die z. B. in der BRD fast aus-schließlich als Internet-Aktion zum Aufzeigen der Mobilisierungskapazitäten staatlicher Kontroll- und Disziplinar-Mechanismen jenseits des Bodens verfassungsmäßig garantierter Grundrechte rezipiert werden) zeigt sich bei der Causa Schlingensief ein Umgang mit (vornehmlich aus dem Internet beschafften) Informationen, der durchaus auch als »Subversion von Rechts«, jedenfalls aber als Strategie (und nicht Dummheit im Internet!) zu deuten ist.

Subversiv deshalb, weil hier auf Schlingensiefs Taktik, Kohl als Schießbudengartenzwerg im Rahmen eines symbolischen (Kasperl)-Theaterakts zu versenken, derart gekontert wird, daß man die ganze Sache ernst nimmt und zur Polit-Aktion hochstilisiert, um daraus einen Anlaß zu konstruieren, der die »Testfunktion von Kulturdebatten für politische Zwecke« (Diedrich Diederichsen) aufs Eindeutigste aber auch Brachialste vorführt.

Da helfen auch keine leidenschaftlichen Appelle wie jener des Chefs der Volksbühne Berlin, Frank Castorf, der klar feststellt: »Es handelt sich immer noch um Inszenierungen, die der Realität den Spiegel vorhalten und die - wie alle Kunst - der Aufgabe nachgehen, das Unsichtbare sichtbar zu machen. Es ist uns kaum vorstellbar, daß kulturverantwortliche Politiker in Salzburg dies nicht durchschauen.« Was aber, wenn sie es dennoch durchschaut haben und nur aus strategischen Überlegungen (die bevorstehenden Salzburger Gemeinderatswahlen 1999) so tun, als würden sie nicht verstehen, wobei es bei der Schlingensief-Aktion geht?

Wobei es nicht so sehr darum geht, alles zu tun, »damit unser Ruf als gastliebes Land nicht gefährdet und Helmut Kohl, der soviel für Salzburg gemacht hat, nicht beleidigt wird« (LH Schausberger), sondern vor allem darum, durch die Definition der Schlingensief-Aktion als Teil des deutschen Wahlkampfes und mittels des damit begründeten Verbots genau diesen Wahlkampf für die eigenen Zwecke zu instrumentalisieren.

Wenn darauf nur in Form von (schriftlichen) Solidaritätsbekundungen geantwortet wird, kann Salzburgs Kunst- und Kulturszene wirklich nur noch als Gescheiterte bezüglich der (auch) handlungsorientierten Konsequenzen und Einforderungen von Schlingensiefs Credo »Scheitern als Chance« begriffen werden. Denn dadurch wird nicht nur jenen Vorschub geleistet, die in den »Kulträumen der Wirklichkeit« (Schlingensief) unbequeme Kunst illegalisieren wollen. Dechants Zensurakt richtet sich auch gegen die Anwesenheit von Arbeits- und Obdachlosen.

(Fortsetzung folgt...)

Solidaritätskommando: www.salzburg.or.at/chance1999/