jänner-februar 1998

Romana Klär

Männer in der Krise...

Neues Männerbewußtsein?

Salzburger Männer geraten in Bewegung. Spätestens seit Frauenchef Vzbgm. Heinz Schaden (SPÖ) und sein Parteigenosse LHStv. Gerhard Buchleitner gemeinsam mit den Büros für Frauenfragen (Stadt und Land) im vergangenen Jahr mit einer Anti-Gewaltkampa- gne breite Aufmerksamkeit für die Opfer familiärer Gewalt (damit waren ursprünglich Frauen gemeint) wecken konnten, wird jetzt auch von Männern, die pazifistischen und/oder katholischen Werten verpflichteten sind, laut über Ursachen männlicher Gewalt und möglichen neuen Bildern von »Männlichkeit« nachgedacht. Die vom Salzburger Friedensbüro veranstalteten Friedensgespräche unter dem Motto »Männlichkeit und Gewalt. Wenn der Indianer keinen Schmerz kennt...« zählen ebenso dazu wie die Diskussion und um eine Beratungsstelle nach dem Hamburger Vorbild »Männer gegen Männergewalt« oder die geplante Vernetzung bereits aktiver Männer von (Sozial- und Bildungs-)Vereinen innerhalb eines Männerzentrums nach Münchner Vorbild. Der Bedarf sei auch in Salzburg gegeben. Scheinbar stehen Männer in der patriarchalen Gesellschaft nicht mehr im Zentrum, vielmehr befinde mann sich aufgrund schwerwiegender Verunsicherung - ausgelöst u. a. durch das ehemals schwache Geschlecht - in einer Krise. Mädchen würden Buben bereits in der Schule in vielen Bereichen den Rang ablaufen und Rollenbilder ins Wanken bringen. »Auf der Basis eines heute gesellschaftlich überholten Rollenbildes, des Beschützers von Frau und Kind, sehen sich Männer zusehends mit einem gesellschaftlichen Dilemma konfrontiert. Einerseits wird im männlichen Lebenszusammenhang Gewalt im Sinne von Durchsetzungsfähigkeit und Potenz gefördert und andererseits auch wieder verurteilt.« (Kranich. Zeitung des Salzburger Friedensbüros 1/97). Männern fehle in ihrem Leben oft ein männliches Leitbild. Höhere Bereitschaft zu Gewalttätigkeit könnten sich daraus ebenso erklären wie Rückzug aus der Verantwortung, ist da und dort immer häufiger zu lesen und zu hören. Mann scheint einfach überfordert: »Viele Buben sehen kaum, wie ihre Väter leben, vor allem gefühlsmäßig. Sie erfahren nur, daß Arbeit wichtig ist und Geld. Und am Abend sitzt der Vater dann müde da und kümmert sich nicht mehr um die Gefühlswelt seiner Familie.« (Psychologe und Männer-Experte Hannes Goditsch im Salzburger Fenster).

Wär ja nicht so schlimm das Gerede, müßte ja nicht gleich ernst genommen werden. Bräuchte auch wirklich keineR so genau hinhören, wäre es nicht ein etwas absonderlicher Kurs, der da von einer zudem immer lauter werdenden »Neuen Männerbewegung« eingeschlagen wird.

Sie ähnelt nämlich auf fatale Weise jenen »Männerbewegungen«, die gleiches Recht für alle einfordern und deshalb »Minderheitenrechte« auch für sich okkupiert wissen wollen. Das heißt zum Beispiel, daß deutsches Gedankengut in Österreich einer Selbstmarginalisierung unterzogen wird, was dazu führt, daß sich eine Mehrheit plötzlich als bedrohte Minderheit (bzw. denkanalog als bedrohte »Art«, »Kultur«) versteht. Österreicher sehen sich übervorteilt und als Fremde in ihrer eigenen Heimat. Männer sehen sich durch Bilder (mächtig, tapfer, dominant), die ihnen zugeschrieben werden (von wem?), in die Enge getrieben und müssen sich in Männerrunden ein neues Selbstbild mühsam erarbeiten.

Mit unterschiedlichen gesellschaftlichen Macht- und Sprechpositionen zwischen Männern und Frauen halten sich die neuen Opfer nicht sehr lange auf, sondern kopieren ein Muster im simplen Analogschluß jahrzehntelang praktizierter - und mittlerweile auch schon ausdiskutierter - Form emanzipatorischer Frauenpolitik. Darin gleichen sie jenen strammen Recken, die das Selbstbestimmungsrecht von Völkern (Ethnien) nun endlich auch für den, sich ebenfalls »in der Krise befindlichen und bedrohten europäischen Kulturraum« einfordern. Das heißt dann »Recht auf Differenz«. Divergierende politische und geschichtliche Machtverhältnisse spielen dabei eine untergeordnete Rolle. Dieser eurozentrisch geprägte Universalismus ist natürlich auch ein Männerblick. (Wer macht denn hauptsächlich die Politik und ist Entscheidungsträger?) Rassismus und Sexismus lassen sich nicht getrennt voneinander betrachten. Zwar geht es nicht darum, der »Neuen Männerbewegung« etwas in die Schuhe zu schieben, wer sich aber selber aus jeder Verantwortung und jeglichen gesell- schaftlichen (Macht-)Zusammenhängen stiehlt, darf sich nicht wundern, wenn er gerade unter diesen Aspekten betrachtet wird.

Das entpolitisierte und individual-psyschologisch ausgerichtete Hamburger Modell reiht sich damit in gesamtgesellschaftliche Vorgänge ein, welche seit Jahren in Form eines konservativen Backlash beobachtet werden können: Entpolitisierung der Politik, Entsolidarisierung, erneute Festschreibung von soziopolitischen Konstrukten als »naturgegebene« Essenzen.

Daß Männerberatungsstellen von Männern geführt werden, stellt an sich kein Problem dar. Besonders, wenn es um den ersten Schritt eines Mannes dorthin geht, dient dies zum Abbau von Schwellenängsten. Aber was folgt dann? Was ist zum Beispiel vom Angebot des Münchner Informationszentrums für Männer zu halten, das sich in seinen Falterprospekten an Männer wendet, die sich »schwertun, Partnerschaften einzugehen oder aufrechtzuerhalten«, die »durch die Trennung von Frau/Freundin/Familie in eine Krise geraten sind« oder »einfach einen Abend in der Woche nur mit Männern verbringen möchten«? Welche gesellschaftlichen Freiräume zur Selbstbestimmung erkämpft sich mann eigentlich bei so einem »Männerstammtisch«? Daß ihnen Frauen nicht auf den Hintern oder zwischen den Schritt starren? Auch die katholische Männerbewegung Salzburg macht es sich einfach im Vorlegen eines neuen Männerbewußtseins, bei dem Klassiker aus der Geschichte der Frauenbewegung kurz mit vertauschten Rollen wiederaufgeführt werden - zum Beispiel bei Seminaren, wo »Männer durch Märchen, bioenergetische und meditative Übungen mehr Sensibilität für sich und andere erlangen« sollen. Das ist nicht nur New Age pur, sondern überführt zudem (und sicher nicht zufällig) genau jene Phantasie in der Frauenbewegung, wo es wieder weg von der Politik, hin zu biologistischen (Eigen-) Zuschreibungen ging, (Frau = Erde, Natur, weich, samft,...) in die männerbewegten 90er.

Wenn James Brown schon singt, »It's a man's man's world/But it would be nothing without a woman or a girl«, dann sollte dies von der »Neuen Män-nerbewegung« auch als Aufforderung gelesen werden, nicht im eigenen Saft zu braten und Antworten auf Fragen zu geben, die von der Frauenbewegung schon hinlänglich und vor Jahrzehnten be- und abgehandelt wurden.

Vielmehr gehe es darum, Macht zuallererst einmal in der Art und Weise abzugeben, indem mann gerade diesen Frauen zuhört, die schon lange laut und deutlich sagen, wie Ungleichbehandlung wirkt und was ihre Ursachen sind. Frauen haben nämlich ganz andere und mitunter unbequemere Fragen, als sie sich ein »Männerstammtisch« auch nur in seinen kühnsten Träumen vorstellen kann: Männliche Bedrohlichkeitspotentiale, männliche Aus-schließungskriterien, männliche Verhaltensformen, die Männern nicht, Frauen aber umsomehr auffallen, könnten Männer so vielleicht einmal bewußt gemacht werden. Nicht die - für Frauen Sinn machenden - Werte wie Solidarität, Anonymität und Parteilichkeit in der Beratung, sind gefragt, sondern aufdecken, verurteilen und sich distanzieren von diskriminierenden Äußerungen und Taten, die Männer auf unterschiedlichen Ebenen gegen Frauen setzten. Dieses klare Zeichen könnte Druck erzeugen und damit an herrschenden Strukturen vielleicht ein wenig kratzen.