november-dezember 1996

Gudrun Seidenauer

Sinn & Sinne

Die Tänzerin und Choreographin Editta Braun

1. Die Geschichten tanzen

Aus der Erinnerung: Drei, vier TänzerInnen, die Beine in den Boden gerammte Säulen, die Körper unterm harten Licht in scharf kontrastierte Flächen zerschnitten. Monolithische Gestalten. Unnahbar? Kalt oder nur ruhig, gesammelt? Die Tänzerinnen nehmen dennoch Anlauf, legen eher wirbelnde Angriffslust als Anmut in ihre Sprünge, viel, vielleicht alle Kraft, umklammern die Männer, rutschen, plumpsen leblos wie Gliederpuppen an ihnen herab. Der Bruch zwischen der Energie der Versuche und der Totalität des Scheiterns gräbt sich - als getanztes Lebensmuster - vielleicht tiefer ins Gedächtnis der Zuseherin, als Sprache es könnte. Begehren oder Attacke?

Schnitt, aus einem anderen Stück Editta Brauns jüngeren Datums: La vie, c’est contagieux, mit der klassischen Tanzlegende Jean Babilée. Darin die atemberaubende Erfahrung, einen ausdrucksvollen, ja hingegebenen Tänzer von größter Bühnenpräsenz zu erleben, gleichzeitig einen Mann mit der unübersehbaren Zeichnung durchs Alter. Und dann vergißt man bestenfalls, daß man sich im Tanztheater befindet und läßt sich von den Bewegungen der Körper da draußen eine Geschichte erzählen, in der Erfahrenes, Erahntes, vielleicht Gefürchtetes wie Ersehntes spürbar werden.

Szenen aus Arbeiten der Salzburger Choreographin und Tänzerin Editta Braun als Versuch, der elektrisierenden Hand- bzw. Körperschrift auf die Spur zu kommen, von der in Kritiken häufig die Rede ist. Beinah immer wird Geschlechtliches darin erfahrbar: So, wie es an und durch die Körper - in deren aller zivilisatorischen Mühe zuwiderlaufenden Verletzlichkeit - sichtbar wird.

»Titania«, eine Bearbeitung des Sisi-Mythos für zwei Tänzerinnen, ist eine behutsame Suche nach den psychischen Ursprüngen von selbstverliebtem Glanz & Glamour, wobei die politische Dimension von Vereinzelung, von Ausdehnung der Kontrolle bis buchstäblich unter die Haut, nicht zu kurz kommt.

2. Die Tanzgeschichte

Editta Brauns Stücke sind durchaus auch Extremwert, bündeln Lebenslust und -neugier in schnelle, flippige Bewegungsevents ohne doppelten Bedeutungsboden. Dennoch, die Abgrenzung gegenüber einer Modern Dance-Tradition à la Merce Cunningham bleibt für Braun zentral: Das ästhetisch durchaus reizvolle, bald aber langweilige Ausspielen reiner Bewegungsmöglichkeiten und deren serielle Kombinationen führen sie nirgendwohin. Schön bewegte Bilder aus schönen Körpern genügen nicht. Editta Braun bleibt als Tänzerin und Choreographin sicherlich Forschende, beharrt in aller aufblitzenden Schalkhaftigkeit doch meist auf Sinn und Sinne.

3. (Tanz-)Schritte aus dem Käfig im Kopf

Der Weg zum Tanztheater war trotz frühen Ballettunterrichts nicht eindeutig vorgegeben. Die gebürtige Oberösterreicherin kommt vom Kunstturnen, das sie achtzehnjährig wegen einer Verletzung aufgeben muß - glücklicherweise, wie sie heute lakonisch dazu bemerkt.

An der Uni Salzburg studiert sie Sportwissenschaften und Germanistik, mit Wachheit für die Politisierung der späten siebziger und frühen achtziger Jahre. Sie beschäftigt sich mit alternativer (Sport-)Pädagogik und übt Kritik an konservativen, wettkampforientierten Lehrmethoden.

1982 gründet sie das Tanz-Theater-Kollektiv VORGÄNGE - anstatt an diesem Tag zur 1. Mai-Demo zu gehen, wie sie im Gespräch hinzufügt. Die VORGÄNGE haben Erfolg, absolvieren erste Auslands-auftritte, werden vielleicht die bekannteste hiesige Tanztheater-Gruppe zu einer Zeit, in der Österreich gewiß noch Entwicklungsland puncto moderner darstellender Künste war. Dennoch, und das ist wohl eine exemplarische Erfahrung dieser Zeit, zerbricht die Formation an der Unvereinbarkeit von hehrem Anspruch auf egalitäre und hierarchielose Arbeit und der vielstimmigen Realität: Fähigkeiten, Ideen, Durchsetzungsvermögen, Obsession und tausend andere Faktoren sind bei den einzelnen Mitgliedern schlicht zu unterschiedlich, um sich auf Dauer einer Idee zuliebe als Kollektiv vermixen zu lassen.

Der Anspruch ist allerdings nicht nur kollektiv, sondern zunehmend auch professioneller: Ausbildung und Impulse werden aus Paris, New York, dem Senegal mitgebracht, und vor allem von Peter Goss, Germaine Acogny, Wim Vandekeybus, um nur einige der klingenden Namen zu nennen, die eifrige Sommer-Szene-BesucherInnen sicher wiedererkennen.

4. Zukunfts-Tanz

Mittlerweile gehört Editta Brauns Name selbst zu den klingenden in der internationalen Tanzszene. Mit ihrer eigenen Company, eigenen Choreographien und als Solotänzerin hat sie seit 1990 etwa fünfzehn Stücke auf die Bühne gebracht, darunter kürzere Auftragsarbeiten renommierter Häuser sowie eigene abendfüllende Stücke, und hat bei zahlreichen internationalen Bewerben er- folgreich teilgenommen. Vieles davon entsteht übrigens in den Proberäumen der ARGE.

Daß sie selbst oft in eigenen Produktionen Soloparts tanzt, ist für eine Choreographin ungewöhnlich. Sie tut’s einfach, weil’s ihr Spaß macht, und ohne speziell das Gefühl zu haben, sie müsse »etwas mitteilen«, wie sie sagt. Glück-licherweise, denn es ist ein Genuß, ihren blitzschnell wechselnde Stimmungen erzeugenden, bald koboldhaften, bald zarten Bewegungsmustern zu folgen, die immer voll Energie und Überraschungen stecken.

Von 13. bis 15. 11. wird im Stadtkino ihr neuestes Stück »Der Dschungel des Pianisten. Eine Fabel.« zu sehen sein, »eine Hommage des Theaters an die Phantasie und die unzählige Bilderflut unserer Träume.« Das Beharren auf der Lebenslust, dem Primat der Wünsche ans Leben, an Menschen, auf die Begegnungsfähigkeit trotz Verhedderung in aggressive Strukturen in und um uns, ist Editta Brauns Arbeit (und auch ihr als Mensch) anzumerken. Hier wäre die Verbindung zum Utopischen, das als nur vorsichtig angedeuteter Moment, nichtsdestotrotz aber immer wieder in Brauns Choreographien aufleuchtet.