juni 1996

Mario Jandrokovic

Marterl des Alltags

Der französische Künstler Robert Millin in Fanningberg

Während wir dem Ziel näherkamen, verschlechterte sich die Stimmung des Fahrers zunehmend, proportional dazu, wie die Tauern sich richtiggehend über die Autobahn neigten und so den Landschaftshorizont dramatisch einengten. Was ihn, wie auch mich, dennoch dazu veranlaßte, an diesem Nachmittag in Richtung Lungau zu fahren, war ein Projekt, das nicht bloß die vertraute Klientel des Kunstgenusses aus den üblichen Galerieräumen hinaus hinter den Berg zu führen gedachte, sondern nebenher für Kunst im öffentlichen Raum ein neues Ambiente samt neun Ansprechpersonen suchte.

Fanningberg, eine Ortschaft von weniger als 100 Seelen an einem sonnigen Hang nahe Mauterndorf, diente dabei als Rahmen und Aufhänger. Dieses Plätzchen, das allein schon mit dem weitläufigen Panoramablick über Berg & Tal die Laune wieder zu heben vermochte, war Ziel dieses Ausfluges, wo das andere vor Ort als Thema, Material und auch Komplize einer künstlerischen Arbeit erlebt werden wollte; so zumindest war die Ankündigung querzulesen.

Auf Einladung des französischen Außenministeriums und der Galerie 5020 tingelte der französische Künstler Robert Millin durch das Land Salzburg und erkor nach längerem Suchen Fanningberg als Schauplatz für seine Arbeit aus. Dazu suchte er den Kontakt zu den EinwohnerInnen der verstreut liegenden Gehöfte, um gemeinsam mit ihnen deren private Fotoalben nach brauchbarem Material für sein Werk zu durchstöbern. Abgesehen von den kleinen Hindernissen der Sprachbarriere gab es letztendlich auch keine gravierenderen Kommunikationsprobleme, als es sie in Saint- Carre gegeben hatte, einem Dörfchen in der Bretagne, wo Millin vor wenigen Jahren ein ähnliches Projekt realisiert hatte. Die Schwierigkeiten beschränkten sich auf das, was zwischen Museumspädagogik und Feuilleton als »Schwellenangst« bekannt ist. Ein Bewohner etwa war sich anfänglich nicht so sicher, ob der gewünschte Einblick in die private Photosammlung nicht irgendwie »a Linke« sei, aber nachdem der Bürgermeister gesagt hatte, daß das schon in Ordnung ist... Millin hatte die ausgewählten Motive vergrößert, auf Emailplatten übertragen und an Plätzen aufgestellt, die das Versteckte, Nicht-Repräsentative mit Nachdruck betonten: Zäune, Heustadel, ein Plumpsklo und anderes Nebenher in der Landschaft. Die Runde derjenigen, die sich zur feierlichen Ausstellungseröffnung in den Lungau aufgemacht hatten, begab sich also auf einen Spaziergang zu den diskret in die Gegend eingestreuten bunten Flecken Robert Millins, der einem Ostereiersuchen nicht unähnlich war. Ein bodenständig anmutendes älteres Ehepaar blieb besonders still während dieser Führung, also suchte mein Bekannter den rundlichen Mann mit rotem Gesicht und seine Begleiterin mit betont sprachlichem Lokalkolorit ins Gespräch einzubinden: »Schee hobt’s es do!« Ein fragender Blick blieb einzige Reaktion; es handelte sich nämlich um den Bürgermeister von Saint-Carre. In seinem verschlafenen Dorf, in dem sich die EinwohnerInnenzahl sukzessive dezimiert hatte, bewirkte Millins Arbeit im Laufe der Zeit so einiges an sozialer Dynamik: Die BewohnerInnen ergriffen Initiative bei der Dorfpflege, stellten sich spontan und nicht ohne Stolz der angestiegenen Zahl der Gäste als MuseumsführerInnen zur Verfügung.

Die Schautafeln von Fanningberg wirken wie Marterln oder irgendwelche Hinweisschilder auf Tollwut oder dergleichen, sind einfach ein nicht weiter auffallender Teil der Landschaft. In diese setzte Millin mit seinen Fotos alltäglicher Stoffmuster aus der Gegend bunte Ornamente und fügte kleine, nur den DorfbewohnerInnen bekannte Ge- schichten aus dem Familienalbum - von Familienfeiern, Kindheiten, Traktorfahrern - ein.

Die Bilder sind prädestiniert dafür, aus einer zufällig festgehaltenen Prosaik des Alltags dessen Mythen zu schaffen; sie dabei als jenen Stoff zu sehen, der den Einheimischen unbewußte Linien der eigenen Kultur herauslösen hilft, wäre wohl eine Überbewertung gesellschaftlicher Relevanz, die in Millins ästhetischer Arbeit und ihren Inhalten selbst verankert sein sollte und nicht bloß in der Tatsache, daß hier im Dorf etwas Spektakuläres, noch nie Dagewesenes passiert ist. Außerdem hätte das Werk dann den unangenehmen Beigeschmack der Vereinnahmung seines Umfeldes im Namen anthropologischer Erschließung gehabt. Der Künstler hat mit Hilfe der FanningbergerInnen ein autonomes, in sich abgeschlossenes Kunstwerk in den Raum entlassen, das von den meisten Ansässigen gar nicht als ein solches betrachtet wird. Diese gebrauchen die Installation nach ihren eigenen Maßstäben, die den Intentionen des Künstlers auch ausgesprochen zuwiderlaufen können, ihn gar zu ärgern vermögen. Wohl vom Fremdenverkehrsverein wurden die ortsüblichen, rustikalen hölzernen Richtungspfeile aufgestellt, die auf die versteckten Kunstwerke hinweisen: »Ortsbebilderung« steht auf ihnen, wie im Katalog. Jenseits der angepeilten Bedeutsamkeiten wird Kunst in Fanningberg wie auch sonstwo ein Stück feierlicher Alltag, Folklore.

Die Schautafeln von Fanningberg wirken wie Marterln oder irgendwelche Hinweisschilder auf Tollwut oder dergleichen, sind einfach ein nicht weiter auffallender Teil der Landschaft. In diese setzte Millin mit seinen Fotos alltäglicher Stoffmuster aus der Gegend bunte Ornamente und fügte kleine, nur den DorfbewohnerInnen bekannte Geschichten aus dem Familienalbum - von Familienfeiern, Kindheiten, Traktorfahrern - ein.