april 1996

Didi Neidhart
gelesen

Wiglaf Droste, Klaus Bittermann (Hrsg.)

Das Wörterbuch der Gutmenschen. Zur Kritik von Plapperjargon und Gesinnungssprache. Band II (Edition Tiamat, 1996) »Wenn der Verstand schlafen geht, galoppiert das Gutmenschentum.« (Wiglaf Droste)

Auch der zweite Band gespitzter Analysen zum fraktionenüber- schreitenden Sprachgebrauch an sich schon problematischer Begriffe wird wieder sein heißes Fett von jenen abkriegen, die sich davon »persönlich betroffen« fühlen werden. Dabei sind die Artikel der 38 AutorInnen keinesfalls zynisches Klugscheißen, sondern notwendiges Sichtbarmachen von Koalitionsbündnissen, bei denen sich Gefühlslinke und Betonkopfrechte desselben Vokabulars bedienen und puritanisch korrekt (in Deutschland bedeutet p.c. Zugehörigkeit zur Mehrheit, nicht zu einer Minderheit, wie in den USA) dem Konzept der Aufklärung wahlweise ein Maulkorb bzw. ein Keuschheitsgürtel anlegt wird (vgl. Alice Schwarzers von plötzlich den Feminismus für sich entdeckenden CSUlern solidarisch unterstütze »PorNo«-Kampagne).

Die Kritik, daß dadurch den Rechten Argumente geliefert werden, indem linke Positionen diffamiert werden, greift jedoch schon deshalb nicht, weil eine Linke, die unter dem Postulat von Anstand, Moral, Sauberkeit, Charakterfestigkeit, Wahrhaftigkeit, Reinheit vorgeht, den eigenen Rechtsruck schon hinter sich hat und dem Bündnis der aufrechten, autoritären Demokraten und deren Repressionsapparat schon lange beigetreten ist.

Auch diesmal wurden wieder Betroffenheitsfloskeln ausgewählt, mit denen Spiegel, Focus, Rita Süssmuth, Antje Vollmer, Daniel Cohn-Bendit, Helmut Kanther u.a. (die entsprechenden österreichischen Pendants kann man sich selber zusammensuchen) »Brücken der Verständigung« bauen und zur Festigung des westlichen Hegemoniestatus »aufeinander zugehen«. Darunter so Kopf- und Bauchweh-Highlights wie »Anderer Kulturkreis«, »Authentizität«, »Befindlichkeit«, »Die selbstbewußte Nation«, »Dem Ansehen Deutschlands schaden«, »Engagement«, »Gewaltvideos«, »Ich persönlich/Ich als Frau«, »Linker Nazi«, »Mit Nazis reden«, »Multikultur«, »Nicht den Rechten überlassen«, »Rock gegen rechts« »Sich einbringen«, »Sanfter Tourismus«, »Tabubruch«.

Und weil den Gutmenschen nichts so suspekt ist wie Ver-gnügen, denn man könnte dabei ja seine (Ver-)Fassung verlieren (was nur im durchreglementierten Karneval erlaubt ist), gehört Vergnügen zu einem jener Effekte, die sich, trotz hahnebüchener Original-Zitate beim Lesen einstellen. Das jedoch messerscharf, wie u.a. bei Simone Borowiak: »Mal wieder Scheiße ge- schrieben? Und jetzt schlechte Kritiken eingefahren? Verrisse im Feuilleton? ðDas ist doch, also das erinnert mich an die dunkelsten Jahre deutscher...Ð. Bücherverbrennung ist die In-Vokabel für alle, die nicht in der Lage sind, eine Rezension von einem Scheiterhaufen zu unterscheiden.«

Schärft die Sinne und das Bewußtsein!