jänner-februar 1996

Harald Friedl

»...wo viele Leute Gassi gehen.«

Am Rande der Diagonale sprach kunstfehler-Mitarbeiter Harald Friedl mit Ulrich Seidl, dem Autor des umstrittenen Eröffnungsfilms »Tierische Liebe«.

Mir hat ihr Film sehr gut gefallen.

• Das freut mich. Bei dieser Phalanx von Gegnern ...

Welche Argumente bekommen Sie zu hören?

• Daß die Leute im Film denunziert werden. Das ist das Hauptargument, das alle meine Filme begleitet. Was mich sehr verwundert, weil die Darsteller selber, wenn sie sich dann auf der Leinwand sehen, kein Problem damit haben, wie sie dargestellt werden. Eigenartig ist, daß Menschen, die diesem Milieu gar nicht angehören, glauben, sie müßten eine Schutzfunktion übernehmen und sagen, also, die verstehen das ja nicht, die wurden hier ja entstellt dargestellt. Das finde ich völlig danebengegriffen.

Sehen Sie da ein emotionales Problem auf Seiten der Kritiker?

• Ich glaube, daß der Film ihnen nahegeht. Daß etwas drinnen ist, das Beklemmung auslöst. Und dann kommt es eben darauf an, wie man mit dieser Beklemmung umgeht. Manche Leute gehen dann über in einen Frontalangriff gegen den Filmemacher und sagen, das gibt es nicht, das ist nicht authentisch, das ist entstellt dargestellt.

Wie recherchieren Sie? Wie kommen Sie zu Ihren Darstellern?

• Indem ich Leute anspreche. Für »Tierische Liebe« haben wir zusätzlich Inserate aufgegeben. Wir haben uns in Wien viel herumgetrieben. Genau dort, wo man weiß, dort gehen viele Leute Gassi. Dort geht man hin, beobachtet die Leute, spricht mit ihnen. Dann gibt's halt welche, die sind interessiert, dann macht man sich einen Termin aus und so geht's weiter.

Zum Beispiel bei dem Männerpaar, den Pensionisten, hab' ich sehr lange Zeit gebraucht, bis ich überzeugt war, daß sie für den Film gut sein könnten. Ich war am Anfang eher ablehnend. Sie haben mir zwar als Menschen getaugt, aber sind die auch gut vor der Kamera? Wenn Leute so unbedingt spielen wollen, sind sie meistens schon schlecht.

Es geht ja darum, daß man Leute findet, die unvoreingenommen sich so präsentieren, wie sie eben sind. Alles andere ist uninteressant. Also, Menschen, die sich jetzt denken, wie ist mein Bild, oder wie soll mein Bild in der Öffentlichkeit sein, wenn die Fernsehkamera kommt - da haut's dann nicht mehr hin. Danach muß ich meine Leute aussuchen. In dem Fall war's besonders heikel, denn ich wollte natürlich vordringen in diese private Atmosphäre, in diese Intimität.

Haben Ihre Akteure vorher gewußt, wie weit der Film gehen soll?

• Nein. Du kannst ja niemandem erklären, wie der Film ausschauen soll. Erstens weiß ich es selber nicht einmal ... Die Leute haben Bilder im Kopf, die täglich im Fernsehen sind. Alles andere ist für sie nicht vorstellbar. Bei »Mit Verlust ist zu rechnen«, da war's irrsinnig interessant. Da haben wir 4 Monate gedreht, und die Darsteller haben noch immer nicht geglaubt, daß das ein Film wird. Erst bei der Premiere, als sie gesehen haben, daß sie da oben auf der Leinwand sind, haben sie es geglaubt. Sie verstehen ja nicht, was an ihnen interessant ist, was an ihrem Leben interessant ist und daß da jemand kommt und einen Film machen möchte.

Mußte mit manchen Akteuren die Arbeit abgebrochen werden, weil Sie gemerkt haben, es läuft zwar bis zu einer gewissen Grad, aber so weit, wie Sie gehen möchten, geht es mit diesen Personen eben nicht?

• Ganz im Gegenteil. Ich war oft verwundert, wie leicht gewisse intime Sachen zu filmen waren.

Ich denke gerade an die Szene zwischen Frau und Hund im Bett.

• Mit dieser Frau hab' ich vorher gesprochen, wie das ganze Ding werden soll. Sie ist Schauspielerin und andererseits Privatperson. Mich hat die Privatperson interessiert. Daß sie eine völlig fanatische Hundeliebhaberin ist, das ist ja Tatsache. Für sie sind Hunde fast wichtiger als Menschen. Der Grat zwischen dem, was ihre Geschichte ist und dem, was Schauspiel ist ... ich weiß gar nicht, wo diese Grenze liegt.

Da gibt es eine Sequenz, in der die Frau ihrem Hund Auszüge aus alten Liebesbriefen an sie vorliest. Wie kam es dazu?

• Die ist von mir erdacht. Ich hab' ihr gesagt, die Sequenz schaut einfach so aus. Und sie hat eingestimmt, daß der Hund anstatt der Männer, die ja eh alle nicht halten, da ist. Sie hat sofort verstanden, worum es geht. Und daß der Hund bei ihr im Bett schläft, ist Tatsache.

Zahlen Sie den Akteuren eine Gage?

• Ja. Aber die Gage ist nicht so, daß die Leute das wegen dem Geld machen würden.

War es Ihre Idee, daß einer von den beiden obdachlosen Männern onaniert?

• Ja. Das ist bei allen Dingen so, die ich mache, daß ich sage, ich möchte jetzt eine Szene machen, in der dieses oder jenes passiert. Ich weiß aber, daß das, was passiert, bei den Leuten ohnehin immer passiert. Und daß er es jetzt machen soll für die Kamera ... Das ist meine Aufgabe, ihm zu erklären, daß ich das filmen möchte. Und dann kommt's eben darauf an, ob er mitmacht. Wenn er kein Problem hat, daß dieses Bild in die Öffentlichkeit kommt, dann wird er es machen.

Warum haben Sie dieses Thema überhaupt gewählt?

• Weil es geeignet ist, menschliche Beziehungen darzustellen. Weil es dazu geeignet ist, etwas über die Einsamkeit zu sagen, über Sehnsüchte nach Zweisamkeit, über Gebrochenheiten, über all das, was mit Liebe oder mit Naheverhältnissen zwischen Menschen zu tun hat.

Hat das Filmen solcher Geschichten für Sie eine therapeutische Funktion?

• Ich glaube, daß jeder Film, den ich mache, auch sehr viel mit mir und meinem Leben zu tun hat. Das ist ganz klar. Ich kann jetzt nicht sagen, daß es eine therapeutische Funktion hat, aber ich lebe ja auch mit diesen Leuten, und man ist emotional irrsinnig dabei. Es ist klar, daß das etwas mit mir zu tun hat, sonst könnte ich das nicht empfinden.

Sie haben in einem Interview mit den »Salzburger Nachrichten« George Brassens zitiert: »Ich stoße Schreie aus, wie ein verwundeter Vogel«.

• Dazu möchte ich nichts sagen.

Der ORF will den Film nicht senden, obwohl er ihn mitfinanziert hat. Warum?

• Weil er nach Meinung des ORF -Verantwortlichen einem Massenpublikum nicht zumutbar ist. Das liegt nicht an einzelnen Einstellungen, wie mir versichert wurde, das liegt nicht daran, daß man die Einstellung mit dem Ge- schlechtsakt nicht zeigen kann, sondern es ist der gesamte Film in dieser Art, den man dem Fernsehpublikum nicht vorsetzen kann. Aber ich würde sagen, da ist das letzte Wort noch nicht gesprochen.

Danke für das Gespräch!