september-oktober 1999

Didi Neidhart

»Wer is'n das?« - »Charlie Zechenter!«

Vorgestellt - der neue künstlerische Leiter der ARGE Kulturgelände Nonntal

Nach knapp zehn Jahren prägender Arbeit wechselte der bisherige künstlerische Leiter Wilfried Steiner von der ARGE Kulturgelände Nonntal nach Linz in den Posthof, wo er für die Sparten Tanztheater, Theater, Literatur und Kleinkunst zuständig ist. Auf die daraufhin erfolgte öffentliche Ausschreibung im In- und Ausland meldeten sich an die 50 InteressentInnen. Nach Einzelgesprächen und einem ab-schließenden Hearing wurde schließlich Charlie Zechenter einstimmig vom Verein und der Geschäftsführung zum neuen »künstlerischen Leiter« bestellt.

Daher gleich zu Beginn einige autobiografische Eckdaten. Nach Schriftstellerei, Malerei und Musik landete Zechenter schließlich beim Theater, war von 1993 bis 1998 Leiter der freien Theatergruppe »stuz«, die es auf bemerkenswerte zehn Produktionen brachte. Anschließend wurde Zechenter Obmann des »stuz«-Nachfolgers »gold extra«, einem Künstler-Innenkollektiv, dem auch der »Klub Solarium« (HipHop-Events) angehört und dessen »künstlerische Eingreiftruppe« namens »Moralischer Zeigefinger« bisher durch Straßenaktionen u. a. zur Asyl/Migrations-Thematik für Aufsehen gesorgt hat. Verschwiegen sei auch nicht der 1998 für das Stück »King Killa«, (einer Adaption von Alfred Jarrys »Ubu Roi«) verliehene Ferdinand-Eberherr-Preis für experimentelles Theater.

Trotz seiner nunmehrigen Tätigkeit als künstlerischer Koordinator der ARGE Kulturgelände Nonntal will sich Zechenter aber auch weiterhin als »gold extra«-Obmann um Sachen wie gesamtkonzeptionelle Rahmen, Management und Werbung kümmern. Bei soviel eigenen künstlerischen Aktivitäten stellt sich natürlich die Frage nach etwaiigen vorprogrammierten Interessenskonflikten, Unvereinbarkeiten und schiefen, freunderlwirtschaftlich motivierten Optiken. Einwände, die Zechenter durchaus versteht.

»Ich empfinde den Job eher als Rückzug aus all den Sachen, die ich sozusagen als Künstler bei gold extra mache. Hier kann und muss ich mich zurücknehmen und andere Leute einladen, herbringen und vorstellen. Mich reizt einfach auch die Breite des bisherigen Programms. Das muss jetzt nicht alles mein Ding sein, aber ich muss es ermöglichen können.«

»Kunst muss sich «, so Zechenter weiter, »der Fragwürdigkeit einzelner Urheberschaften - des sogenannten Originalgenies - ebenso bewusst sein wie ihrer Eingebundenheit in soziale Kontexte. Der Glaube, nur der eigenen Inspiration verpflichtet zu sein, ist künstlerische Naivität. Jedweder Authentizitäts-Wahn ist letztendlich ein Witz. Unsere Existenz ist die eines Produkts, das sich durch den Konsum von Produkten legitimiert. Das mag jetzt sehr pessimistisch klingen. Aber mir geht es darum, ein Bewußtsein über diese Determiniertheiten zu entwickeln. Nur so sind Veränderungen und relative Freiheiten möglich. Spannende und innovative Kunst ist daher immer nur als Ansätze und Brüche zu besichtigen und kennt kein einheitliches Theoriegebäude. Eines meiner Ziele für die ARGE Kulturgelände wäre daher auch, sie zu einem Ort produktiver Heterogenitäten zu machen, wo sich gerade im dialektischen Auseinanderdriften der verschiedenen Ansätze neue Terrains aufmachen.«

Wenig hält Zechenter hingegen von aufklärerischen Zwangsbeglückungen. »Großes Pathos und esoterischer Ernst sind nicht nicht mein Ding. Ich brauche schon ein gewisses Maß an Selbstironie und Distanz zu dem, was ich mache.«

Für Zechenter bedeutet das jedoch nicht, »selbstironische Sachen« zu produzieren, sondern einer möglichen Betriebsblindheit und Selbstverliebtheit entgegenzusteuern. »Es hat wenig Sinn, Dinge zu wiederholen, die bereits zur Genüge gemacht wurden«, so Zechenter. Auch wenn es sich dabei um persönliche Lieblingsangelegenheiten handelt. »Ich will aber auch nicht durch elitäre Schranken jegliche Kommunikationsmöglichkeiten untergraben.«

Daher gehe es bei Präsentationen vor allem darum, gesellschaftspolitische Kontexte manifest zu machen und Vorkehrungen zu treffen, die dem Publikum den Zugang und die Partizipation ermöglichen.

Natürlich könne diese »Mehrarbeit« den KünstlerInnen nicht vorgeschrieben werden, »aber«, so Zechenter, »das wäre dann sowieso Teil meiner Arbeit. Kunst sollte ein Experimentierfeld der Gesellschaft sein. Ein Ort, an dem Theorie in eine mögliche Praxis modellhaft umgesetzt werden kann. Kunst verkauft der Gesellschaft das verdichtete Bewusstsein ihrer selbst - ihre Geschichte, Traditionen, ihre kulturelle Definitionsmacht. Die gesellschaftliche Inszenierung von künstlerischen Produkten, die erst in der Rezeption vervollständigt werden, kann nur gelingen, wenn es eine Ahnung des gesellschaftlichen Rahmens gibt, in dem die jeweiligen Produkte entstehen. Um künstlerische Produktionen zu Kunstwerken zu machen, müssen sie gesellschaftlich inszeniert und ihre Inhalte promotet werden. Da kommt für mich auch die soziale Dimension bzw. politische Arbeit einer künstlerischen Koordination zum Tragen. Zentral geht es um so etwas wie soziale Ästhetik. Je mehr den Leuten ohne großem Zeigefinger und vermeintlich letztgültigen Weisheiten vermittelt wird, was sie gerade sehen oder hören, desto eher glaube ich, dass sie auch Lust haben, sich darauf einzulassen«.

Konkrete Umsetzungspläne gäbe es zwar, seien im Moment jedoch noch nicht spruchreif. Zwar sei die ARGE Kulturgelände Nonntal ein Ort, der »viel zulässt«, jedoch gehe es jetzt auch nicht darum, »nicht mit dem Kopf durch die Wand zu knallen«.

Zechenter: »Mir geht es hauptsächlich um das Zusammenwirken verschiedener Kunstgattungen und -Medien - weniger als Aufführungs- denn als Arbeitskonzept. Nicht das Produkt überzeugt, sondern der Prozess, aus dem ich etwas lernen kann. Das ist ja auch das Spannende an Sachen wie Jazz, DJ-Culture, Freestyle-Rap oder freier Theaterarbeit. Daher geht es zuallererst darum, zu schauen, welche Energien bereits da sind.« Es gibt auch Überlegungen für die nahe Zukunft. So soll die altbewährte Musik-Reihe »Hot Animal Machine« mit neuem Namen und neuem Konzept für frische Akzente sorgen, den verschiedenen afro-amerikanischen Kulturformen vermehrt Platz eingeräumt werden, es eine fixe Support-Schiene für lokale Acts geben und auch der Bereich »Neue Medien« nicht sich selber überlassen werden. Zechenter: »Seit ich den Job habe, werde ich am meisten wegen dem überalterten Publikum im Kulturgelände angesprochen. Dass sich Jugendliche scheinbar wenig vom Programm angesprochen fühlen, ist ein fundamentales Problem. Daher sehe ich auch den Umbau und die damit verbundene Schaffung von neuen Räumen als lebensnotwendige Arbeit. Nur so kann das Kulturgelände Nonntal die jetzt schon aktivierten Leute, etwa jene aus der HipHop- oder der freien Theaterszene, wirklich einbinden. Wir müssen aber auch lernen mit verschiedenen Publikumsschichten umzugehen. Die gibt es mittlerweile und das muss auch berücksichtigt werden.«

Wobei Zechenter das größte Potential diesbezüglich bei den »Neuen Medien« sieht. Wenn auch mit Einschränkungen. »Solange die hier bestehenden Zusammenhänge nicht ganz selbstverständlich in künstlerische Projekte eingebunden werden, bleibt es leider bei nett gemeinten Leerformeln. Daher geht es nicht nur um künstlerische, sondern auch um politische Arbeit. Das meint ja auch Brecht wenn er in seiner »Rede über das Radio« davon spricht, dass alle an einem Medium mitpartizipieren können müssen, um selber zum Sender zu werden. Das ist zwar schon etwas alt, aber immer noch wichtig.«

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