november-dezember 1995

Thomas Neuhold
leitartikel

Eine Frauenpartei?

»Die Machtfrage stellen! Kandidieren wir bei den nächsten Wahlen mit einer eigenen Frauenpartei!« Die Drohung, die zahlreiche Vertreterinnen von Salzburger Fraueninitiativen anläßlich der möglichen Schließung des Salzburger Frauenbüros ausstießen, war unüberhörbar. Das Büro selbst ist zwar vorläufig »über den Berg«, der Plan einer Frauenliste aber noch nicht vom Tisch. Aus gutem Grund, denn ein Ende des konservativen »rollback« ist nicht absehbar. Im Gegensatz zu früheren Versuchen, der Kommunalpolitik an der Salzach einen feministischen Dreh zu geben, hätte diese Kandidatur - vorausgesetzt, sie gleitet nicht ins Sektiererische ab - bei den kommenden Wahlen durchaus Chancen auf Erfolg.

Erstens ist die (weibliche) Basis möglicher Wählerinnen zwangsweise größer als noch vor einem Jahrzehnt. Unsoziale Politikkonzeptionen sorgen da ganz von selbst dafür.

Zweitens würden wohl nur wenige dem Argument der »verlorenen Stimme« erliegen. Es mag oft ungerecht sein, aber die Enttäuschung über die Vertretung von Fraueninteressen durch SPÖ und Grüne ist Fakt.

Drittens wäre eine Frauenliste auch für viele Männer durchaus wählbar. Die Frauen würden zwangsläufig gegenüber der städtischen Politik einen konsequenten Konfrontationskurs einschlagen. Viele männliche Wähler könnten sich einem derartigen Widerstandsprojekt in der Wahlzelle zumindest einen Urnengang lang anschließen und »ein Stück des Weges gemeinsam gehen«.

Einen möglichen Haken freilich hat die ganze Sache: Auch in anderen Gruppen wird über eine mögliche Kandidatur oder einen organisierten Wahlaufruf nachgedacht. Eine Zersplitterung - Frauen hier, Kultur da, Soziales dort - wäre ein Stimmen - und Mandatsfiasko, aber auch strategisch fatal. Offen bleibt, ob die Vielzahl ähnlicher oder gleicher Interessen reicht, um eine Bündelung der - ohnhin bescheidenen - Kräfte zu ermöglichen.